Mein alter Freund Tolkien übersetzt meinen alten Freund Beowulf

beowulf-cover-by-jrr-tolkienObwohl ich bereits begeistert bei der großen Launch-Party von Tolkiens Beowulf Übersetzung, letztes Jahr bei HarperCollins erschienen, dabei war, und mit Tolkien-Fans aus aller Welt Vorträge und Interviews, teils live, miterlebte, habe ich mir mit dem Beginn der Lektüre etwas Zeit gelassen. Die Geschichte kannte ich ja schon, aus dem Studium, in der Übersetzung von Crossley-Holland.

Passend zu einem Treffen der Deutschen Tolkien Gesellschaft im Februar, habe ich dann endlich mit dem Lesen angefangen. Am Anfang ging es ziemlich zäh für mich daher, da ich Christopher Tolkiens Ausführung zur Textgeschichte nicht ganz so spannend finde – auch einer der Gründe, warum ich die History of Middle-earth immer noch nicht ganz durch habe. Aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache. Ich kenne genug Leute, die genau diese Art Manuskript-Archäologie total interessant finden.

Ich fand dagegen Tolkiens eigene Kommentare zur Übersetzung super spannend; die Anmerkungen zu bestimmten Worten, deren Bedeutung nicht ganz klar ist, oder Stellen, die im Originalmanuskript einfach nicht lesbar sind. Er begründet darin die Wahl seiner eigenen Übersetzung, macht dies allerdings nicht ‚trocken‘ linguistisch, sondern achtet dabei auf die Logik der Erzählung. Hier ist nicht nur ein Sprachwissenschaftler, sondern eben auch ein Geschichtenerzähler am Werk.

Das stellt er vor allem auch im ‚Sellic Spell‘ unter Beweis, mit dem er ein Märchen rekonstruiert, auf dem das Beowulf Gedicht, neben tatsächlichen historischen Ereignissen und Figuren, basieren könnte. Allein dafür lohnt sich die Anschaffung des neusten Tolkiens.

My old friend Tolkien translates my old friend Beowulf

Even though I’d enthusiastically attended the launch party of Tolkien’s Beowulf translation, which was published by HarperCollins last year, and listened in on lectures and interviews, partly live, with Tolkien fans around the world, I took my time to actually start reading the book. After all, I already knew the story, from my studies, in Crossley-Holland’s translation.

At a meeting of the German Tolkien Society DTG in February, I finally commenced reading the book. It’s been hard going for me at the beginning as I’m not overly interested in Christopher Tolkien’s detailed outline of the textual history – also one of the reasons why I still haven’t read the entire History of Middle-earth. But that is, of course, a matter of personal taste. I know a lot of people who find this kind of manuscript archaeology utterly fascinating.

For me, Tolkien’s own commentary to the translation was the highlight; his notes on specific words where the meaning is not wholly clear, or lines that are simply not legible in the original manuscript. He justifies his own choices for the translation, not in a dry linguistic manner but rather focused on the logic of the tale. Here shines the craft of not only a linguist but also that of a storyteller.

He gives especial proof of that in “Sellic Spell”, with which he reconstructs a folktale on which the Beowulf poem, together with historic events and figures, could be based. The purchase of the book is worthwhile for that piece alone.

Die magische Anziehungskraft des Tierkadavers

Ich will nicht hingucken. Manchmal schaffe ich das auch. Meistens wird mein Auge aber doch von dem mehr oder weniger blutigen Spektakel am Straßenrand angezogen. Am seltsamsten war eine Taube ohne Kopf. Sah völlig intakt aus, bis auf das fehlende Oberstübchen. Wie mit der Kreissäge abgetrennt, kaum blutig. Besser als diese Haufen aus Gedärmen, bei denen man gar nicht mehr erkennen kann, um was es sich da eigentlich handelt. Die alltäglichen Schreckensbilder beim Autofahren auf dem Lande. Noch so ein Grund, warum ich das nicht so gerne tue.

Ganz tragisch finde ich ja Katzen (ein Hund ist mir bisher noch nicht untergekommen). Nicht weil die mehr wert sind als Füchse oder Kröten, sondern weil in vielen Fällen zu Hause eine Person oder eine ganze Familie vergeblich auf ihr geliebtes Haustier warten. Da schießt mir vor Mitgefühl mit den Unbekannten manchmal tatsächlich eine Träne in die Augen.

Gustav

Unser dusseliger Gustav, der leider viel zu kurz bei uns war, weil er sich unbedingt mit einem fahrenden Auto anlegen musste.

Düsterer Elton

8e3cefa9463719d6bddc004cfe9bb179Mein letzter Ben Elton war Past Mortem. Viel düsterer als die bisherigen Werke, die ich von ihm gelesen habe. Seinen teils bitterbösen Humor im Angesicht von ernsten gesellschaftlichen Themen schätze ich sehr. Diesmal geht es um Mobbing in der Schule und eine daraus resultierende Mordserie. Es gibt nicht so viel zu lachen wie sonst, aber der Fall an sich fesselt und der Mörder ist auch nicht gleich erraten.

Mein bisheriger Favorit von Elton ist übrigens Chart Throb, welches einen satirischen Einblick hinter die Kulissen einer Casting-Show vermittelt.

Dark Elton

My last Ben Elton was Past Mortem. Much darker than the previous works I read of him. I very much appreciate his biting humour in the face of serious social topics. This book deals with bullying in school and a series of murders resulting from it. There is not so much to laugh at this time, but the case is suspenseful and the murderer not immediately guessed.

My favourite Elton so far is Chart Throb, by the way, which gives a satirical behind-the-scenes look of a casting show.

Spaghetti-Held und Selbstgespräche

Letzte Woche im Zug. Eine Frau telefoniert; ich dachte erst mit ihrem Kind, im späteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass es ihr Ehemann ist. Warum ich erst dachte, sie spräche mit ihrem Kind? Weil sie ihrem Gesprächspartner genau erklärt hat, wie man Spaghetti Bolognese kocht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Unglaublich kompliziert, das Rezept für Spaghetti Bolognese

„Ich komme ein bisschen später, das wird dann alles etwas knapp. Ich glaube du solltest schon mit dem Kochen anfangen.“ Kurzes Schweigen. Dann ganz geduldig: „Also, da nimmst du Zwiebeln, Hackfleisch und Tomatenmark …“ Und dann folgt die genaue Anleitung was zu tun ist (Schälen – Anbraten – Drüberkippen; fast ein besserer Blogtitel als Pendeln – Lesen – Wundern). „Das Würzen übernehme ich dann.“ Die Frau sieht jünger aus als ich.

Welcher Mann mittleren bis jüngeren Jahrgangs gibt sich denn bitte schön heute noch die Blöße nicht kochen, oder zumindest Rezepte lesen, zu können? Und welche Frau lässt ihrem Mann sowas kommentarlos durchgehen? Ich dachte wir fahren hier durchs Kinzig-, nicht durchs Neandertal.

Kurz nach dem Telefonat halten wir in Gelnhausen. Ein Mann steigt zu. Der sieht völlig normal aus, stellt vor sich eine Flasche Cola ab. Eine Bierdose zum Feierabend hätte mehr erklärt. Der Zug fährt nicht sofort los.

Darauf fängt der Mann lauthals an zu Schimpfen: „Worauf warten wir denn? Auf besseres Wetter? Das haben wir doch schon.“ Grummel, grummel. „Ich hab auch was Besseres zu tun, als hier im Zug zu sitzen!“ Er telefoniert nicht. Spricht auch nicht, sympathieheischend, die Frau mit dem Spaghetti-Helden zu Hause an, die auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Ich sitze gerade so in Hörweite, sonst ist da niemand.

Der Zug fährt los. Die Frau sucht ob des seltsamen Selbstgesprächlers das Weite, obwohl es bis zur nächsten Station noch zwölf Minuten dauert. Ein klasse Tag für Beobachtungen in freier WildBahn.

Bild: Spaghetti Bolognese von Eric Hossinger (CC BY 2.0)

Wenn Gimli plötzlich poetisch wird

Legolas und Gimli

Legolas und Gimli in Helms Klamm – Bild von Anke Eißmann

Zum diesjährigen internationalen Tolkien Lesetag, offiziell übermorgen, am 25. März (weil an diesem Tag der Ring im Herrn der Ringe zerstört wird), hat die britische Tolkiengesellschaft das Thema Freundschaft vorgeschlagen. Mein Stammtisch hat bereits am dieses Wochenende im Rahmen eines Frühlings-Fests im Vogelsberg gelesen.

Zum Thema sind mir natürlich sofort die ungleichen Freunde Legolas und Gimli eingefallen, die sich erst nach einigen Anlaufschwierigkeiten zusammenraufen können. Die Szene, die für mich das ganze am besten verkörpert, ist die Abmachung, die die beiden treffen, nach dem Krieg zusammen die Höhlen von Aglarond und den Wald von Fangorn zu besuchen. Gimli ist der Wald eigentlich total unheimlich, Legolas würde gutes Gold bezahlen, um nicht in die Höhle zu müssen. Nachdem Gimli dann allerdings in für einen Zwerg ungewöhnlich poetischer und ausladender Sprache über die Höhlen berichtet, ist Legolas fasziniert ob der Faszination seines Freunds und schlägt die gemeinsame Tour vor. Solche Freunde kann man brauchen.

Findest du jene Hallen schön, wo euer König unter dem Berg im Düsterwald wohnt […]? Sie sind nur elende Löcher im Vergleich zu den Grotten, die ich hier gesehen habe; unermeßliche Hallen, erfüllt von einer ewigwährenden Musik des Wassers, das hinuntertröpfelt in Teiche, so schön wie Kheled-zâram im Sternenlicht.

S. 172, Tolkien, J.R.R. Der Herr der Ringe. Zweiter Teil: Die Zwei Türme. Übersetzt von Margaret Carroux. Stuttgart: Klett-Cotta, 2009.

When Gimli suddenly waxes poetic

For the international Tolkien Reading Day, officially tomorrow, on 25 March (due to the destruction of the One Ring on that day in The Lord of the Rings), the Tolkien Society proposed friendship as a topic. My smial already read last weekend, during a spring festival in the Vogelsberg region.

The first thing that sprang to my mind on the topic, are the unlikely friends Legolas and Gimli, who overcome their differences only after a bumpy start. The scene that expresses this best for me, is when they settle on the plan to visit the caves of Aglarond and Fangorn forest after the war together. Gimli is actually afraid of the forest, Legolas is willing to pay good gold to avoid visiting the caves. After Gimli waxes uncharacteristically poetic and long-winded about the caves, Legolas becomes fascinated with his friend’s fascination and suggests the tour. Those are the kind of friends we all need.

Do you think those halls are fair, where your king dwells under the hill in Mirkwood […]? They are but hovels compared with the cavers I have seen here: immeasurable halls, filled with an everlasting music of water that tinkles into pools, as fair as Kheled-zâram in the starlight.

p. 181f, Tolkien, J.R.R. The Two Towers. Being the second part of The Lord of the Rings. London: HarperCollins, 1999.

??????????

Tolkien Lesetag im Vogelsberg / Tolkien Reading Day in the Vogelsberg

Papperlapapp DeLorean: Züge sind die wahren Zeitmaschinen

Ich begebe mich regelmäßig auf Zeitreise.

Nein, nicht in meinen Büchern, sondern ganz in echt, in der Bahn. Jedenfalls wenn man den Datums- und Uhrzeitangaben in den Zügen trauen kann.

??????????

Aufgenommen am 08.03.2015, 12:56 Uhr

Am 08.03.2015 zum Beispiel. Da bin ich zur Mittagszeit in den Zug gestiegen. Und schwupps war ich in der Vergangenheit. 07.03.2015, sagte mir die Datumsanzeige, kurz vor vier Uhr. Interessant, wie die Leute gestern in diesem Zug ausgesehen haben.

Beim Ausstieg am Hauptbahnhof Frankfurt muss ich just in dem Moment, als ich vom Zug heraus auf den Bahnsteig trat, die Zeitschwelle übertreten und einen knappen Tag in die Zukunft zurückgereist sein.

In der Zukunft war ich übrigens auch schon mal, 2017. Die Leute fuhren Bahn.

Zu schwer für die Reise?

Es gibt Bücher, die machen das Pendeln schwerer: dicke Wälzer, die kaum in die Handtasche passen.

Ja, ok, ich sehe es ein. Passt das Buch nicht rein, ist die Handtasche zu klein. Hilfe! Ein Reim.

wolves_of_the_calla31Ich bin kein Parallelleser. Immer nur ein Buch. Unterbrechen mag ich die Lektüre eines Buches auch nicht gerne, selbst wenn plötzlich was hochspannendes und langersehntes auf meinen ‚ungelesen‘ Stapel kommt. So war es schon ein bisschen ungewöhnlich, dass ich mitten in der Lektüre von Stephen Kings Wolves of the Calla, Teil fünf vom Dunklen Turm, eine Pause machte. Das Pendeln hält mich nicht von schweren Büchern ab – der dicke King war auch noch Hardcover – aber eine weitere Reise schon.

the-scarEs ging in den Sommerferien ins Vereinigte Königreich. Hin mit dem Flugzeug nach London. Den Flug mit Zeitungslektüre überbrückt. Erster Stopp vor Ort: ein Buchladen. Und was kauft sich der gewichtsbesorgte Leser? The Scar von China Miéville (die Pan-Ausgabe). Genauso dick wie der King. Aber immerhin ein Taschenbuch. Ein paar Gramm hab ich da bestimmt gespart…

Das zweite Buch aus dem Bas-Lag Universum hat mich halt so schön vom Regal angelächelt, was kann ich sagen? Klasse Lektüre, vor allem, wenn man auf der Heimfahrt die Fähre nimmt und dabei liest, was so alles unter einem lauern könnte.

Als ich mich auf den Heimweg begab, hatte ich übrigens weitere vier-fünf Bücher zu meinem Gepäck hinzugefügt. Mehr zu Miéville und King sicher demnächst auf dieser Seite.

Too heavy for the journey?

Some books make commuting more arduous: heavy tomes that hardly fit into the handbag.

Yeah, I know. If the book doesn’t fit, the handbag’s too small. (Pity, this makes for an excellent rhyme in German.)

I’m not a parallel reader. One book each, line on the left. I also don’t like to suspend reading one novel for another, even if a long-awaited, exciting new book makes it onto my ‘unread’ pile. So it’s been a bit of a strange occurrence when I stopped in the middle of reading Stephen King’s Wolves of the Calla, part five in the Dark Tower series. Commuting doesn’t detain me from handling heavy books – the massive King was a hardcover – but a longer journey does.

I went summer vacationing to the UK. Outbound travel by plane to London. Bridging the flight time with a newspaper. First stop: bookstore. And what does the weight-conscious reader buy? The Scar by China Miéville (the Pan edition). Just as thick as the King. But at least a paperback. I must be saving several grams here …

The second book in the Bas-Lag universe just looked so attractive on the shelf, I couldn’t help myself. Wonderful reading, especially if you take the ferry on the return trip and ponder over what could be lurking underneath the surface of the sea.

By the time I headed home, I’d added another four or five books to my luggage, by the way. More on Miéville and King soon.

??????????

Einer dieser Orte, wo man Bücher finden kann / One of them places where you can find books

 

Wenn es im Ostend brennt

…bleibe ich lieber zu Hause. Leider hat nicht jeder die Möglichkeit Homeoffice zu machen, von den Frankfurtern ganz schweigen. Was da heute abging hat mich nun bewogen, meinen ersten reinen Wundern-Beitrag hier zu veröffentlichen.

Ich habe früher im Ostend gearbeitet. Mehr noch, in einer Institution, die den Banken nahe steht. Und da habe ich fantastische Menschen mit hehren moralischen Prinzipien kennengelernt, genauso wie skrupellose, selbstherrliche Arschlöcher. Die gibt es überall. Auch unter den Blockupy-Demonstranten.

1939485_10206152377786077_7274396218740811_n

Morgens am 18.03.15 im Ostend (Foto von Natalie Packham)

Die gewalttätigen Idioten – völlig egal ob linksradikal, bestellte Schläger oder fern jeder politischen Orientierung einfach nur auf Krawalle aus – werfen ein schlechtes Bild auf die friedlichen Demonstranten, aber statt sich von diesen klar zu distanzieren, freut sich die Pressesprecherin von Blockupy im Interview mit dem HR (in längerer Fassung bisher nur auf der Hessenschau-Facebookseite verfügbar) darüber, dass so viele unterschiedliche, auch wütende Leute, zum Protest gekommen sind, und so ein bisschen Sachbeschädigung ja nichts im Vergleich zu den Problemen in anderen Ländern ist. Dass dieses Statement völlig kontraproduktiv ist, und selbst Sympathisanten mit der eigentlich angebrachten Kritik mit seiner Ignoranz gegenüber der Gewalt vor den Kopf stößt, scheint dieser jungen Frau, die da in die Kamera lächelt, überhaupt nicht klar zu sein. Das eigene Ziel vor Augen und keine Rücksicht auf die Menschen rechts und links.

Und genau da liegt für mich das eigentliche Problem: Viele Menschen können oder wollen sich heute nicht mehr in andere hineinversetzen. Empathie und wohl auch Vorstellungskraft sind da irgendwie abhandengekommen. Und ganz nebenbei Anstand und Respekt.

Wenn ich die Kommentare zu den schrecklichen Bildern aus Frankfurt sehe, wird mir schlecht. „Sack auf, alle [Blockupy-Aktivisten] rein, Brandbeschleuniger drauf und anstecken.“ Das schreibt ein Mann, der eine niedliche Katze als Avatar hat und ansonsten eigentlich nette Fotos von der Familie postet. So sieht kein Internet-Troll aus. Und er ist nicht der einzige ‚Normalo‘, der solch erschreckende Worte findet. Natürlich würden 99% dieser Maulhelden die angedrohten Dinge niemals tatsächlich tun, und grüßen ansonsten auch freundlich ihre Nachbarn. Sie sind sich offensichtlich aber nicht darüber im Klaren, dass sie mit diesen Beiträgen den gestörten 1% möglicherweise den letzten Ruck geben, der noch gefehlt hat, um die Grenze zur physischen Gewalt zu überschreiten, und das auf beiden Seiten. Und dass sie mit ihrem Auftreten ein Klima der sozialen Kälte schüren, das sie ansonsten selbst den Politikern und Großindustriellen anlasten, ist wohl auch nicht auf dem Schirm. 1% verwandeln sich so auch ganz schnell mal in 2%.

Was fehlt ist Empathie. Für den Banker, der heute den Anzug im Schrank gelassen hat, weil er sonst Anfeindungen auf der Straße fürchten muss. Für den Gewalttäter auf der Straße, dessen Leben wohl einige seltsame Wendungen genommen haben muss, um ihn so weit zu treiben. Für die Frau, die sich Gedanken um ihre Familie in Frankfurt macht, dabei dezidiert nicht die ganze Blockupy-Bewegung in Frage stellt – und dafür hasserfüllte Kommentare auf Facebook erntet. Für den Polizisten, der im Steineregen steht. Für den Feuerwehrmann, der brennende Barrikaden löscht, während er woanders unter Umständen dringender gebraucht wird. Für die Anwohner, jung, alt, arm, reich, die ihre Mülltonnen oder mitgebrachte Autoreifen direkt vor ihren Häusern brennen sehen. Für Leute wie mich, die sich hier Sorgen um die Zukunft unserer Gesellschaft macht. Wundert es wen, dass ich mich wundere?

Wo ist die Neugier auf den anderen geblieben, auch wenn wir ihn vielleicht nicht sofort verstehen? Warum forschen wir nicht nach Ursachen, sondern begaffen die Katastrophe an der Oberfläche? Wo kommen diese ganzen Wutbürger her? Wie kann man sich am Montag noch über Saudi-Arabien und dessen Umgang mit dem Blogger Badawi aufregen und am Mittwoch die Todesstrafe für Edathy fordern? Warum ist man plötzlich ein Held, wenn man anderen in Notsituationen hilft? Ist das nicht eigentlich völlig normal? Da könnt ich mich aufregen … und tue es auch! Ich mische mit ein, in die Diskussion, aber, wie ich hoffe, mit sachlichen Argumenten. Denn wenn man jemanden anpöbelt, wird in der Regel nur zurückgepöbelt. So überzeugt man niemanden, sondern schmort nur in seinem eigenen moralinsauren selbstherrlichen Saft vor sich hin.

Ich kann ja nichts ändern, sagen viele. Natürlich kann ich allein die Welt nicht retten. Aber ich kann anderen Menschen selbst mit Anstand und Respekt gegenübertreten und das dann im Gegenzug auch von ihnen einfordern. Peer pressure, nennt der Engländer das. Meist negativ konnotiert, aber wer hindert uns daran, den für nette Ziele einzusetzen? Es ist ganz alleine uns überlassen, wie wir die Zukunft mit unseren Mitmenschen gestalten wollen.

Verspätungs-Countup

Heute widmen wir uns einem Phänomen, dass wohl jeder regelmäßige Bahnfahrer gut kennt: dem Verspätungs-Countup.

800px-Suedbahnhof_Ffm_Bahnhofsgebaeude18:33 Uhr, Gleis, 6, Südbahnhof Frankfurt. Eigentlich sollte jetzt der RE Richtung Fulda einfahren. Tut er aber nicht.

18:40 Uhr, Gleis 6, Südbahnhof Frankfurt. Eigentlich hätte der RE Richtung Fulda vor sieben Minuten einfahren sollen. Jetzt springt die Anzeige um. Ah, der RE hat also fünf Minuten Verspätung.

18:42 Uhr, Gleis 6, Südbahnhof Frankfurt. Die Anzeige springt um. Der RE 55 Richtung Aschaffenburg hat fünf Minuten Verspätung. Was mit dem RE 50 passiert ist, wissen wir erst mal nicht.

18:45 Uhr, Gleis 6, Südbahnhof Frankfurt. Der RE 55 fährt ein und kurz darauf wieder ab.

18:50 Uhr, Gleis 6, Südbahnhof Frankfurt. Eigentlich hätte der RE Richtung Fulda vor 17 Minuten einfahren sollen. Jetzt springt die Anzeige um. Ah, der RE hat also fünfzehn Minuten Verspätung.

18:55 Uhr, Gleis 6, Südbahnhof Frankfurt. Eigentlich hätte der RE Richtung Fulda vor 23 Minuten einfahren sollen. Jetzt springt die Anzeige um. Ah der RE hat also zwanzig Minuten Verspätung.

Ihr wisst schon wie es weitergeht. Manchmal hat der Bahnfahrer Glück und es gibt eine Durchsage zum Sachverhalt, der reinrassige Countup kommt allerdings nur über die Anzeige daher.

Bild: Südbahnhof von EvaK (GNU FDL 1.3)

Einhörner, Wechselbalge und viel zu Lachen

isbn9780575132528-detail…gibt es in Ben Aaronovitchs neustem Roman über Polizist und Zauberlehrling Peter Grant. Foxglove Summer heißt das neue Werk, das letztes Jahr bei Gollancz erschienen ist. Ab September gibt es die deutsche Übersetzung Fingerhut-Sommer bei dtv.

Für den Fall verlässt Grant mein heißgeliebtes London. Die Stadt hat mir bereits beim ersten Besuch eine Art historisch-fantastischen Bann* auferlegt, dementsprechend verlangen mir Londons fiktive Paralleluniversen – wie in Neil Gaimans Neverwhere oder eben Ben Aaronovitchs Werken – nie große Einbildungskraft ab.

Grant ist also diesmal in Herefordshire an der walisischen Grenze unterwegs und trifft auf für ihn, und den Leser, neue, interessante und manchmal auch gefährliche magische Phänomene und Wesen. Seinen geekigen Humor verliert er dabei auch in brenzligen Situation nicht. Mein Lieblingszitat ist Grants Antwort, als er als Held bezeichnet wird:

‚Sic transit gloria mundi,‘ I said, because it was the first thing that came into my head […]. It could have been worse. I could have said Valar Morghulis instead.

Also, Prädikat besonders wertvoll, wie alle bisherigen Aaronovitchs auch.

*besser kann ich es nicht erklären, irgendwie ist die Stadt für mich unwirklich im faszinierendsten Sinne

Unicorns, changelings and a lot of laughs

…can be derived from Ben Aaronovitch’s latest novel on police officer and apprentice wizard Peter Grant. Foxglove Summer was published by Gollancz last year.

For his new case, Grant leaves my beloved London. The city has put me under a sort of historic-fantastic spell* the first time I saw it, so I never needed to strain my imagination for London’s parallel universes, such as that in Neil Gaiman’s Neverwhere or Aaronovitch’s other books.

Grant is moving out to Herefordshire near the Welsh border this time and encounters new, interesting and sometimes perilous magical phenomena and creatures. He never loses his geeky sense of humour. My favourite quote follows someone telling him he’s a hero:

‚Sic transit gloria mundi,‘ I said, because it was the first thing that came into my head […]. It could have been worse. I could have said Valar Morghulis instead.

Definitely worth a read, as are all previous Aaronovitch’s.

*can’t explain it any better; somehow, the city feels unreal to me in a totally fascinating way

??????????

Mein seltsam-geliebtes/My strange beloved London