Wenn es im Ostend brennt

…bleibe ich lieber zu Hause. Leider hat nicht jeder die Möglichkeit Homeoffice zu machen, von den Frankfurtern ganz schweigen. Was da heute abging hat mich nun bewogen, meinen ersten reinen Wundern-Beitrag hier zu veröffentlichen.

Ich habe früher im Ostend gearbeitet. Mehr noch, in einer Institution, die den Banken nahe steht. Und da habe ich fantastische Menschen mit hehren moralischen Prinzipien kennengelernt, genauso wie skrupellose, selbstherrliche Arschlöcher. Die gibt es überall. Auch unter den Blockupy-Demonstranten.

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Morgens am 18.03.15 im Ostend (Foto von Natalie Packham)

Die gewalttätigen Idioten – völlig egal ob linksradikal, bestellte Schläger oder fern jeder politischen Orientierung einfach nur auf Krawalle aus – werfen ein schlechtes Bild auf die friedlichen Demonstranten, aber statt sich von diesen klar zu distanzieren, freut sich die Pressesprecherin von Blockupy im Interview mit dem HR (in längerer Fassung bisher nur auf der Hessenschau-Facebookseite verfügbar) darüber, dass so viele unterschiedliche, auch wütende Leute, zum Protest gekommen sind, und so ein bisschen Sachbeschädigung ja nichts im Vergleich zu den Problemen in anderen Ländern ist. Dass dieses Statement völlig kontraproduktiv ist, und selbst Sympathisanten mit der eigentlich angebrachten Kritik mit seiner Ignoranz gegenüber der Gewalt vor den Kopf stößt, scheint dieser jungen Frau, die da in die Kamera lächelt, überhaupt nicht klar zu sein. Das eigene Ziel vor Augen und keine Rücksicht auf die Menschen rechts und links.

Und genau da liegt für mich das eigentliche Problem: Viele Menschen können oder wollen sich heute nicht mehr in andere hineinversetzen. Empathie und wohl auch Vorstellungskraft sind da irgendwie abhandengekommen. Und ganz nebenbei Anstand und Respekt.

Wenn ich die Kommentare zu den schrecklichen Bildern aus Frankfurt sehe, wird mir schlecht. „Sack auf, alle [Blockupy-Aktivisten] rein, Brandbeschleuniger drauf und anstecken.“ Das schreibt ein Mann, der eine niedliche Katze als Avatar hat und ansonsten eigentlich nette Fotos von der Familie postet. So sieht kein Internet-Troll aus. Und er ist nicht der einzige ‚Normalo‘, der solch erschreckende Worte findet. Natürlich würden 99% dieser Maulhelden die angedrohten Dinge niemals tatsächlich tun, und grüßen ansonsten auch freundlich ihre Nachbarn. Sie sind sich offensichtlich aber nicht darüber im Klaren, dass sie mit diesen Beiträgen den gestörten 1% möglicherweise den letzten Ruck geben, der noch gefehlt hat, um die Grenze zur physischen Gewalt zu überschreiten, und das auf beiden Seiten. Und dass sie mit ihrem Auftreten ein Klima der sozialen Kälte schüren, das sie ansonsten selbst den Politikern und Großindustriellen anlasten, ist wohl auch nicht auf dem Schirm. 1% verwandeln sich so auch ganz schnell mal in 2%.

Was fehlt ist Empathie. Für den Banker, der heute den Anzug im Schrank gelassen hat, weil er sonst Anfeindungen auf der Straße fürchten muss. Für den Gewalttäter auf der Straße, dessen Leben wohl einige seltsame Wendungen genommen haben muss, um ihn so weit zu treiben. Für die Frau, die sich Gedanken um ihre Familie in Frankfurt macht, dabei dezidiert nicht die ganze Blockupy-Bewegung in Frage stellt – und dafür hasserfüllte Kommentare auf Facebook erntet. Für den Polizisten, der im Steineregen steht. Für den Feuerwehrmann, der brennende Barrikaden löscht, während er woanders unter Umständen dringender gebraucht wird. Für die Anwohner, jung, alt, arm, reich, die ihre Mülltonnen oder mitgebrachte Autoreifen direkt vor ihren Häusern brennen sehen. Für Leute wie mich, die sich hier Sorgen um die Zukunft unserer Gesellschaft macht. Wundert es wen, dass ich mich wundere?

Wo ist die Neugier auf den anderen geblieben, auch wenn wir ihn vielleicht nicht sofort verstehen? Warum forschen wir nicht nach Ursachen, sondern begaffen die Katastrophe an der Oberfläche? Wo kommen diese ganzen Wutbürger her? Wie kann man sich am Montag noch über Saudi-Arabien und dessen Umgang mit dem Blogger Badawi aufregen und am Mittwoch die Todesstrafe für Edathy fordern? Warum ist man plötzlich ein Held, wenn man anderen in Notsituationen hilft? Ist das nicht eigentlich völlig normal? Da könnt ich mich aufregen … und tue es auch! Ich mische mit ein, in die Diskussion, aber, wie ich hoffe, mit sachlichen Argumenten. Denn wenn man jemanden anpöbelt, wird in der Regel nur zurückgepöbelt. So überzeugt man niemanden, sondern schmort nur in seinem eigenen moralinsauren selbstherrlichen Saft vor sich hin.

Ich kann ja nichts ändern, sagen viele. Natürlich kann ich allein die Welt nicht retten. Aber ich kann anderen Menschen selbst mit Anstand und Respekt gegenübertreten und das dann im Gegenzug auch von ihnen einfordern. Peer pressure, nennt der Engländer das. Meist negativ konnotiert, aber wer hindert uns daran, den für nette Ziele einzusetzen? Es ist ganz alleine uns überlassen, wie wir die Zukunft mit unseren Mitmenschen gestalten wollen.

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4 Gedanken zu “Wenn es im Ostend brennt

  1. Danke für diesen Post! Ich hatte vorhin kurz an Dich gedacht und prompt mal im Blog vorbeigeschaut. Deine Fragen sind berechtigt und ich stelle sie mir auch. Was ist eigentlich los bei uns und wo kommt auf einmal der ganze Hass her? Im Moment bin ich einfach mal wieder nur fassungslos…

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  2. Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Jeder Mensch sollte das Recht auf eine freie Meinungsäußerung haben und bei Missständen auf die Straße gehen können, um darauf aufmerksam zu machen. Aber bitte auf eine friedliche und idealerweise sachliche Art. Was mich wirklich schockiert und wütend macht ist, wie die Blockupy-Veranstalter auf die Krawalle reagiert haben und diese anscheinend „in Kauf“ nehmen.

    Das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit einem sachlichen Konsenz zu tun! Schade für all diejenigen, die es ernsthaft meinten und friedlich demonstriert haben…

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  3. Pingback: ÖPNV-Tutorial I: Einsteigen lernen | Durch das Wilde Kinzigtal

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