Ich bleib erst mal bei der Gutenberg’schen Technologie

Neulich im Zug. Unterhalten sich zwei ältere Damen über das Lesen. Die eine, mit sümpadischen frängischen Akzent, ist vor kurzem in den Ruhestand getreten und freut sich, dass sie jetzt wieder mehr Zeit zum Lesen hat. „Mir war das abends im Bett, wo ich eigentlich am liebsten lese, allerdings irgendwann zu anstrengend. Immer diese schweren Bücher halten und umblättern. Jetzt habe ich ein kleines E-Book, das klappt prima.“ Außerdem freut sich der Mann, da sie jetzt das Licht ausmachen kann.

Für mich persönlich stand die Anschaffung eines E-Books nie im Raum. Einmal lese ich sowieso immer nur ein Buch, brauche also nicht meine gesamte Bibliothek in der Hosentasche. Außerdem nerven mich ja jetzt schon die paar mobilen Geräte im Haus, die andauernd nach Strom schreien, samt ihren ganzen Aufladekabeln, die immer garantiert da liegen, wo man gerade nicht sucht (obwohl ich zugebe, dass es dieses Problem bei mir auch ab und zu beim Buch gibt). Und wenn der Akku dann leer ist, hat man eh Pech gehabt.

Bis auf weiteres werde ich also sicher der Gutenberg’schen Technologie treu bleiben. Aber falls mir doch irgendwann die Kräfte in den Händen schwinden sollten, ist es schön eine Alternative zu haben.

Kindle-talking-too-muchComic von Nick Seluk @ The Awkward Yeti

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Identitätskrise

The-EnglishSo für zwischendurch mal den Xenophobe’s Guide to the English von Antony Miall und David Milsted gelesen. Fand ich irgendwie nicht so lustig, wie damals den über die Deutschen. Vielleicht liegt das daran, dass ich über mich selbst besser lachen kann als über andere – was mich laut dem Guide zu einem echt guten Engländer macht …

Identity crisis

So I just read the Xenophobe’s Guide to the English by Antony Miall and David Milsted. Somehow, I didn’t find it half as funny as the one about the Germans, which I read a while ago. Maybe that’s because I prefer to laugh about myself rather than others – which, according to the Guide, makes me a pretty good Englishwoman …

Phantomzug

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Damals in Gießen, bevor die HLB und der Mittelhessenexpress fuhren.

Es ist schon ein paar Jährchen her und begab sich zu einer Zeit, als meine Hausstrecke mich nicht durch das Kinzig-, sondern durch das Lahn- und Dilltal führte. Eines frühen Abends saß ich also am Bahnsteig in Gießen und wartete auf die RB Richtung Dillenburg, und zwar bevor dort die HLB und der Mittelhessenexpress verkehrten.

„Auf Gleis [weiß ich nicht mehr] erhält Einfahrt der RB nach Dillenburg. Vorsicht bei der Einfahrt.“ Ich stand auf, um gleich einsteigen zu können, wartete, schielte in die Ferne, um den Zug auszumachen, konnte aber nichts erkennen. Dann ein unvermitteltes: „Vorsicht bei der Abfahrt, Türen schließen.“ Ein Pfeifen vom möglicherweise unsichtbaren Schaffner des möglicherweise unsichtbaren Zuges blieb aus. Hatte ich da einen kalten Hauch von Abfahrtsluft gespürt?

Kurzes Warten, keine weitere Durchsage bis ein anderer Zug planmäßig auf dem Gleis einfuhr. Mit einer ganzen Truppe verwirrter Menschen ging es zum Schalter. „Wo ist denn der Zug abgeblieben? Hat er Verspätung oder fährt auf einem anderen Gleis ein?“ Die Frau sah uns verwundert an. „Aber der ist doch eben gerade pünktlich abgefahren.“ Sie hat uns sogar den Computerbildschirm umgedreht und gezeigt, dass er laut System schon hinter Dudenhofen war.

Ob der Phantomzug die Fahrt bis Dillenburg durchgezogen, und dabei jede Menge verstörter Menschen auf der Strecke gelassen hat, oder ob er irgendwann im Nichts verschwand, weiß ich bis heute nicht.

Bild: Sonderzug in Gießen von SVT/LVT (CC BY-SA 2.0 DE)

Takami – Collins: 1:3

Koushun Takamis Battle Royale (erstmals 1999 in Japan erschienen; meine Ausgabe 2014 bei Heyne) nimmt das Grundkonzept von Suzanne Collins Tribute von Panem voraus. Jedes Jahr treten Schüler der 9. Jahrgangsstufe in der totalitären Republik Großostasien (China und Japan) in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander an. Die Klassen werden willkürlich ausgesucht und die Schüler meist auf eine kleine Insel gebracht auf der sie sich gegenseitig umbringen müssen. Wer sich dem ‚Spiel‘ entzieht, wird von den Machern liquidiert.

Dabei fehlt der ‚königlichen Schlacht‘ allerdings der ausführliche Hintergrund zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten, die die Tribute auszeichnen, was natürlich vor allem daran liegt, dass Collins drei Bände und Takami nur ein Buch geschrieben hat. Dadurch verkommen Takamis Tode auf der Insel allerdings zu einer Art makabren Parade, einer reinen Auflistung von interessanten, möglichst blutigen Todesursachen. Was am Anfang noch total mitreißt, wird bei Tod Nr. 20 tatsächlich irgendwann langweilig. Die eigentlich spannende Geschichte, wie der Alltag im totalitären Staat aussieht und wie Überlebende der Spiele damit umgehen, wird nicht oder nur am Rande erzählt. Es fehlt also genau das, was Collins Tribute zu einem Meisterwerk machen. Trotzdem: prima Lesestoff für Fans von Dystopien.

Eigentlich müsste es ein Bild von einem fahrenden Zug sein …

… aber dazu ist meine Hausfotografin einfach noch nicht gekommen. Vielleicht gibt es irgendwann den perfekten Header für den Blog. Bis dahin versuche ich mit der Vegetation rund ums Kinzigtal relativ up-to-date zu bleiben. Fühlt sich fast an, wie ein Kalenderblatt, da oben.

Hier eine kleine Werkschau des ersten Halbjahrs auf dem Wilden Kinzigtal. Alle Bilder von der wunderbaren mrs.bananabrain.

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Kornblumen und Margeriten im Juni

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Flieder im Mai

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Sternhyazinthen im April

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Krokanten [sic!] im März

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Winterwald im Februar

Missglückte Ringzerstörung auf dem Vulkan

Ich war mal wieder mit den Leuten vom Tolkien-Stammtisch im Vogelsberg unterwegs. Genauer gesagt auf dem Hoherodskopf. Dort ging es, elbengleich, von Flet zu Flet auf dem Baumwipfelpfad, in Waldläufermanier weiter auf dem Höhenrundweg und schlussendlich schlemmten wir wie die Hobbits in der Hoherodskopfklause.

Dabei haben wir versucht (den?) einen Ring zu zerstören. Wir dachten, dass wir das besser gemacht hätten als Frodo & Co. Immerhin hatten wir zu Neunt gesund und munter den Vulkan erreicht. Der wollte den hingeworfenen Ring allerdings nicht schlucken. Ich glaube, wir haben das günstige Zeitfenster verpasst. Vielleicht klappt es, wenn Wotan, Donar und Ziu* mal wieder den Geiselstein öffnen. Nebenbei können wir dann auch gleich den Goldschatz absahnen.

Bei der Rast an der Nidda-Quelle, sprachen wir über Tolkien und Ökologie, vor allem darüber, wie einige Umweltschutzbewegungen sein Werk kreativ für Proteste nutzen. Ich fasste dabei die entsprechende Stelle aus Eike Kehrs Natur und Kultur in J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings (Studien zur anglistischen Literatur- und Sprachwissenschaft, Band 35, Trier: WVT, 2011) zusammen. Spannend waren auch die vielen Beispiele, in denen Vorkommnisse und Orte aus Tolkiens Welt mit der Realität verglichen werden. Die Gebiete, in denen Teersande in Kanada verarbeitet werden, werden zum Beispiel sehr oft als Mordor bezeichnet.

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Wer auch so einen fantastischen Tag erleben möchte, und mehr Informationen zum Tolkien-Stammtisch im Vogelsberg (oder zu einem an einem dem Leser möglicherweise noch näheren Ort) haben möchte, der schaut am besten einfach im entsprechenden Forum der Deutschen Tolkien Gesellschaft vorbei.

*Der uns bei der Wanderung unbekannte ist übrigens Tyr, Gott des Kampfes und des Sieges.

Extreme Perspektive

Noch mehr neue Perspektiven, diesmal extremster Art, rund um den Hauptbahnhof, von einem meiner liebsten Blogs bisher. Meine Favoriten sind die ‚tollen Rundungen‘ am PwC-Turm und der Skulptur vor der DZBank (an denen ich täglich vorbeilaufe), die durch das Fisheye Objektiv verstärkt werden. Und das Dach des Hauptbahnhofs sieht aus wie eine Achterbahn.

Dosenkunst - Graffiti im Rhein-Main-Gebiet

Frankfurt UltraweitwinkelEs ist schon länger her, dass ich mir für meine Kamera das Walimex Pro 7.5mm Fisheye Objektiv (15mm an Kleinbild) gekauft habe. Es war nicht teuer und bietet eine Perspektive, die ich sehr spannend finde. Da der Bildwinkel allerdings sehr extrem ist, reicht es nicht einfach irgendwas fotografieren zu wollen, denn entweder sind Füße mit auf dem Bild oder Linien krumm, die nicht krumm gehören oder krumm sollen. Schleppe ich es also zusammen mit anderen Objektiven durch die Gegend, lasse ich es meist in der Tasche. Also führt kein Weg dran vorbei alle anderen Objektive zuhause zu lassen um wieder einmal neue Blickwinkel auszuprobieren. Die Bilder entstanden heute Nachmittag in Frankfurt, rund um den Hauptbahnhof. Ob ich das Objektiv weiter mit mir rumschleppe, habe ich noch nicht entschieden. Welche Erfahrungen habt ihr mit einem Fisheye gemacht?

Frankfurt UltraweitwinkelFrankfurt UltraweitwinkelFrankfurt UltraweitwinkelFrankfurt UltraweitwinkelFrankfurt Ultraweitwinkel

Die Perspektive ist so ungewöhnlich, das ich mich dabei erwischt habe durch die Gegend…

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In Hanau

KniebeugeNeulich im Zug. Ein älterer Mann steht im Gang und schwankt von rechts nach links, obwohl der Zug ruhig fährt. Sollte ich ihm vielleicht meine Hilfe anbieten? Obwohl, eigentlich sieht er ganz fit aus. Bei genauerem Hinsehen könnte es sich auch um Dehnübungen handeln. Dann setzt er sich auf einen der Sitze in der leeren Vierergruppe hinter mir und raunt: „In Hanau.“

Ich nehme es mal nicht als Drohung. Da sind wir längst dran vorbei.

Bild: Schematische Darstellung einer Kniebeuge von Marcel Kollmar (CC BY-SA 3.0 DE)

Wo ist mein Solschenizyn?

Das habe ich mich die letzten Tage gefragt. Ich bin nämlich ein Überall-Leser. Ob ich jetzt im Zug sitze, zum Einkaufen fahre, auf eine Geburtstagsparty, vom oberen ins untere Stockwerk gehe – fast immer ist mein aktueller Lesestoff mit dabei. Und keine Angst, ich plane nicht, auf der Party in der Ecke zu sitzen und meine Nase ins Buch zu stecken. Und in 98% der Fälle schlage ich das Buch außerhalb des Zuges oder des Bettes eh nicht auf.

Aber man könnte ja auf dem Weg irgendwohin eine Pause machen müssen, oder man steht im Stau, oder man hat eine Reifenpanne, oder man muss plötzlich ins Krankenhaus … Für all diese Eventualitäten, und wenn es sich nur um eine Minute unverhoffter freier Zeit handelt, ist mein Buch immer griffbereit.

Theoretisch jedenfalls. Bei dem ständigen hin und her, vor allem im Haus, dauert das Suchen manchmal ein bisschen länger. Wo bin ich heute hingetapert und habe dabei das Buch möglicherweise unter dem Arm gehabt? Vorgestern war mein Solschenizyn zum Beispiel mit im Nachbarort, hat aus dem Auto einen Rinderumtrieb gesehen und das Esszimmer von Freunden, in dem ich sogar für zwei Seiten Zeit hatte, als es unten an der Tür klingelte und ich für drei Minuten allein war. Hat sich also gelohnt. Am Abend hab ich den Solschenizyn dann allerdings vergeblich gesucht. Hab ich ihn etwa auf dem Esstisch liegengelassen? Oder im Auto irgendwo?

Heute Morgen ist er wohlbehalten auf dem Brotkasten in der Küche aufgetaucht.

solschenyzin