Manchmal kein Gesprächsbedarf

sprechblase

Heute keinen Bock auf Blah-blah?

Liebe Mitpendler und Zugbekannte,

bitte nicht missverstehen. Ich liebe Zuggespräche und bin manchmal sogar ein bisschen neidisch auf die kleinen Grüppchen, die sich tagtäglich in den gleichen Abteilen zum morgentlichen oder abentlichen Klönen zusammenfinden. Sprecht mich auf jeden Fall weiter an, auch wenn ich mich gerade mal wieder hinter in einem Buch verstecke. Ich gebe freundlich Auskunft auf alle möglichen und unmöglichen Fragen des Pendlerdaseins. Oder auch über die gerade gelesene Lektüre. Zur Not auch über das Wetter.

Aber wem geht der Gesprächsbedarf der Mitreisenden nicht manchmal auf den Keks? Über laute Telefonate berichte ich sicher irgendwann noch mal gesondert. Aber auch ein völlig banales Gespräch reißt einen manchmal einfach aus dem Lesefluss. Für solche Fälle habe ich Musik und einen Kopfhörer dabei, alles völlig in Ordnung.

Wenn das Gegenüber es allerdings speziell auf mich abgesehen hat … dann wird es schwierig. Letztens war ich an einem Samstagnachmittag auf dem Weg Richtung Frankfurt, der Zug war also entsprechend leer. Ich saß hinter einem der Vierersitze, auf dem sich eine Frau mit jeder Menge Gepäck breitgemacht hatte. Sie wollte mir schon Platz schaffen als ich reinkam, obwohl überall noch freie Sitzplätze waren. Ich nahm mein Tagebuch zur Hand und wollte für mich gerade wichtige Dinge aufschreiben.

„Fährt der Zug bis Frankfurt Hauptbahnhof?“

Ich gebe freundlich Auskunft. Aber klar doch, keine Panik. Zurück zum Schreiben.

„Da kommt auch kein Schaffner, oder?“

Naja, das kommt immer darauf an, wer gerade Dienst hat … Ich nehme den Stift wieder zur Hand.

„Ich besuche nämlich meine Tochter in Frankfurt.“

Ah ja. Ich versuche hinter dem Sitz aus dem Blickfeld der Dame zu rutschen.

„Ich hoffe wir kommen nicht zu spät an.“

Bisher 0 Minuten Verspätung und schon ein gutes Stück des Weges, die Chancen stehen nicht schlecht. Ich rutsche noch weiter hinter den Sitz. Die Frau schaut aus dem Fenster und wippt ungeduldig mit den Füßen. Ich sehe ihr an, dass sie an weiteren Gesprächs-Eröffnungsstrategien arbeitet.

Kurz vor Süd kommt erwartungsgemäß mit der Ansage Panik auf.

„Ist das schon Frankfurt?“

Ja, ja, aber bis Hauptbahnhof ist noch eine Station Zeit, alles gut.

Ich mag es sehr, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Oft fängt es mit etwas Belanglosem an, und plötzlich steckt man mitten drin, in diesem anderen Leben. Aber manchmal habe ich auch einfach mal keinen Gesprächsbedarf.

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