Die Wiege des Steampunk

differencejpgWilliam Gibsons und Bruce Sterlings The Difference Engine (Die Differenzmaschine) hat das Genre des Steampunks mitgeprägt. Die Geschichte begleitet Sybil Gerard, die Tochter eines hingerichteten Ludditen, Edward ‚Leviathan‘ Mallory, ein Paläontologe, und Laurence Oliphant, ein Spion der sich als Reiseberichterstatter ausgibt. Deren meist separate Handlungsstränge sind durch einen Stapel mysteriöser Lochkarten und Personen, die diese an sich bringen wollen, verbunden.

Das Buch hat einen voll ausgebauten alternativen historischen Hintergrund, von dem der Leser teilweise aus Zeitungsausschnitten, Gedichten, Postern oder Briefen erfährt. In diesem alternativen viktorianischen Großbritannien gelingt es zum Beispiel dem Universalgelehrten Charles Babbage einen dampfbetriebenen Computer zu bauen, Lord Byron regiert das Land und John Keats ist ein Kinotropist. Obwohl dieser Hintergrund total faszinierend ist, hätten die drei Handlungsstränge geschickter verwebt werden können. Sie wirken irgendwie ausgefranst, so dass die Iterationen nicht ihr volles Potential entfalten. Trotzdem müssen Steampunk-Fans das Buch natürlich unbedingt lesen.

The origin of steampunk

William Gibson’s and Bruce Sterling’s The Difference Engine is widely regarded as the book that helped establish the genre conventions of steampunk. The story centres around Sybil Gerard, the daughter of an executed Luddite, Edward ‘Leviathan’ Mallory, a paleontologist, and Laurence Oliphant, a spy posing as a travel writer. Their mostly separate story lines are linked by a set of mysterious computer punch cards and the agents trying to obtain them.

The novel comes with a fully-fledged alternative historical background, partly gleaned through newspaper clippings, poems, posters or letters. In this alternative Victorian Britain, polymath Charles Babbage succeeds in building a steam-powered computer, Lord Byron rules the country and John Keats is a kinotropist, for example. Though the backdrop is totally fascinating, the three stories could have been woven together a bit tighter and neater. The story threads seem  frayed so that the iterations do not realise their full potential. Nevertheless, the book is a must-read for steampunk fans.

Byatts Ragnarök

byatt-ragnarokA.S. Byatts Ragnarok: The End of the Gods (meine Ausgabe: Canongate, 2016) ist eine ganz besondere Nacherzählung des Nordischen Apokalypse-Mythos, die mit den Erfahrungen der Autorin im Zweiten Weltkrieg verwoben wird. Das „dünne Kind im Krieg“ (S. 3, meine Übersetzung) begegnet Nordischen Sagas und findet sie viel faszinierender als die Geschichten der Bibel.

“The thin child thought that these [Bible] stories – the sweet, cotton-wool meek and mild one, the barbaric sacrificial gloating one, were both human make-ups, like the life of the giants in the Riesengebirge. Neither aspect made her want to write, or fed her imagination.” (S. 12)

Byatt erforscht die Macht der Mythen und der Phantastik – und deren Aktualität in der heutigen Zeit. Obwohl die drei Teile (Kindheitserinnerung, Nacherzählung der Saga und das Essay) sicher keinen typischen Roman ergeben, versteht Byatt es, die Teile zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen: zu einem Text über die Relevanz der Saga für sie selbst und den Rest der Welt.

Das Buch stammt aus der The Myths-Serie von Canongate, in der berühmte Autoren Mythen nacherzählen.

Byatt’s Ragnarok

A.S. Byatt’s Ragnarok: The End of the Gods (my edition: Canongate, 2016) is a unique retelling of the Norse apocalyptic myth interwoven with the author’s own experiences during World War II. The “thin child in wartime” (p. 3) encounters the Norse sagas and finds them so much more fascinating than the stories in the Bible.

“The thin child thought that these [Bible] stories – the sweet, cotton-wool meek and mild one, the barbaric sacrificial gloating one, were both human make-ups, like the life of the giants in the Riesengebirge. Neither aspect made her want to write, or fed her imagination.” (p. 12)

Byatt explores the power of myths and the fantastic and how they are still pertinent today. Though the three parts of childhood memory, saga retelling and the essay certainly do not make for a typical novel, Byatt manages to pull it all together into one coherent text on the saga and its relevance to herself as well as the rest of the world.

The book is part of the The Myths series by Canongate, which published retellings of myths by well-known authors.

Hinter den Kulissen bei Wordsworths

dorothyBei meinen Ausflügen im Lake District habe ich sowohl Dove Cottage als auch Rydal Mount besucht, zwei ehemalige Wohnsitze von William Wordsworth und seiner Familie. Seine Schwester Dorothy war ein wichtiger Bestandteil dieser Familie, und sie führte ein Tagebuch des Kommens und Gehens im Hause, der Wanderungen, der Besucher, was die Nachbarn so anstellten. Sie beschreibt das Leben im Dove Cottage in ihrem Grasmere Tagebuch (The Grasmere and Alfoxden Journals. Oxford UP, 2002). Ich gebe zu, dass ich mir mehr davon versprochen habe, längere Geschichten oder Anekdoten, aber leider bleiben Dorothys Einträge meist sehr kurz. Was mich hauptsächlich bei der Stange bleiben hat lassen, war Dorothys Eigenständigkeit und, dass ich mit ihr zusammen wieder auf Wanderschaft gehen konnte, bei einer Runde um Grasmere oder Rydal Water oder beim Aufstieg aufs Loughrigg Fell.

Behind the scenes at Wordsworths

Dove Cottage

Dove Cottage

On my tours through the Lake District, I visited both Dove Cottage and Rydal Mount, two dwellings once occupied by William Wordsworth and his family. His sister Dorothy was an integral part of that family, and she kept a diary of the comings and goings, the hikes, the visitors, what the neighbours were up to. You can find out a lot about life in Dove Cottage in her Grasmere Journal (The Grasmere and Alfoxden Journals. Oxford UP, 2002). I admit to having had higher hopes in terms of actual stories and anecdotes unfolding but Dorothy tended to keep her entries short. What kept me going was mostly Dorothy’s independent spirit and the fact that I could walk alongside her on her strolls, imagining myself back on a round of Grasmere, Rydal Water or a hike up Loughrigg Fell.

Geschichten sind keine sicheren Orte

triggerwarningIn der Einleitung zur Kurzformatsammlung Trigger Warning spricht Neil Gaiman über Triggerwarnungen für fiktionale Texte. Er und ich sind uns darin einig, dass Geschichte keine sicheren Orte sein sollten; dass sie uns ab und zu herausfordern (s. auch Tolkiens Ansichten dazu), dass sie unbehaglich sein, ja sogar Albträume verursachen sollten. Man muss einigen Dingen einfach unvorbereitet begegnen, wie sonst sollte man seinen Horizont erweitern? Das heißt nicht, dass man das gelesene mögen muss. Ich habe Bret Easton Ellis American Psycho zwischendurch mal an die Wand geschmissen. Ich habe das Buch wieder aufgehoben und mich durchgequält, bis ans Ende. Ich habe die Erfahrung gemacht – und weiß, dass ich sie nicht wiederholen möchte.

Gaimans Welten, egal wie düster, würde ich jederzeit wieder betreten. Man muss die Fragebogen-Geschichte „Orange“ einfach lieben. Und ich hatte ein ähnliches Gefühl bei einer Übernachtung in einem heruntergekommenen Bed & Breakfast in Marlborough, wie das was in „My Last Landlady“ heraufbeschwört wird. Ich hatte viel Vergnügen auch beim zweiten Lesen von „The Sleeper and the Spindle“, welches gleich zwei Märchen neu erzählt, beim Sherlock Holmes-Abenteuer „The Case of Death and Honey“ … Eigentlich könnte ich hier alle aufzählen.

Fiction is not a safe place

In the introduction to the short story collection Trigger Warning, Neil Gaiman talks about his view on trigger warnings for works of fiction. He and I very much agree that stories should not be safe places; that they should challenge us from time to time (cf. also Tolkien’s view on that), make us uncomfortable, even carry nightmares. You need to encounter some things unprepared, how else do you expect to broaden your horizon? It does not mean that you have to like what you read. I threw Bret Easton Ellis’ American Psycho against a wall at some point. I picked it up again and plowed through to the end. I had the experience – and knew I would not want to repeat it.

Now, Gaiman’s worlds, no matter how dark, I am willing to enter any day. Simply got to love the questionnaire story “Orange”, had a similar feeling staying in a run-down B&B in Marlborough at some point as that evoked in “My Last Landlady”, enjoyed a re-read of the retelling of two fairy stories in “The Sleeper and the Spindle”, the Sherlock Holmes adventure “The Case of Death and Honey” … I could name them all, really.

Krimi-Ausflug mit King

mr-mercedesMr. Mercedes?“ fragt mich ein Bekannter beim Lesen des gleichnamigen Werkes von Stephen King. „So wie ich King kenne, rast da ein Verrückter mit dem Mercedes in eine Menschenmenge.“

Ja, genau so ist es. Was sich auf den ersten Blick wie typischer King’scher Horror erscheint, ist allerdings ein für den Autor eher untypischer typischer Krimi – ok, einer von denen mit ganz viel Blut. Im Laufe des Buches (meine Ausgabe: Pocket, 2015) kristallisiert sich ein Ermittlertrio heraus, das trotz aller Inkongruenzen ziemlich gut zusammenarbeitet.

Und zwar so gut, dass die drei im zweiten Band der Serie, Finders Keepers (Hodder & Stoughton, 2016), eine Privatdetektei zusammen eröffnet haben. Die Geschichte lässt sich auch ohne Vorwissen aus dem ersten Teil verstehen, wer alle Nuancen und Anspielungen verstehen möchte, der sollte den ersten Band natürlich gelesen haben.

Den zweiten finde ich tatsächlich spannender, da er das Verhältnis zwischen Autor und Leserschaft thematisiert. Der Bösewicht Morris Bellamy ist so besessen von seinem Lieblingsautor, dass er über Leichen geht, um dessen unveröffentlichte Werke sein eigen zu machen. Sein Verhältnis zum Autor und der Welt, die er kreiert hat, erinnert doch sehr an den ein oder anderen fanatischen Fan da draußen, der seine Ansprüche an eventuelle Fortsetzungen, Adaptionen etc. lautstark Kund tut. Wie schon Annie Wilkes in Misery überschreitet Bellamy dabei natürlich alle Grenzen.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf den dritten Teil der Reihe, End of Watch.

A walk on the crime side with King

findersMr. Mercedes?” an acquaintance asked me when he saw me reading the book of the same name by Stephen King. “The way I know my King, a crazy guy drives into a crowd of people, right?”

Right, exactly so. What seems to be a typical King horror story on first glance, is a, for the author, atypical typical crime story – admittedly one with a lot of gore. In the novel (my edition: Pocket, 2015), a detective trio is emerging that is working really well together despite its incongruences.

And they do it so well, that they have founded a private investigator’s office together by the second book of the series, Finders Keepers (Hodder & Stoughton, 2016). You can read the story without knowing the first, but those who want to understand all allusions and nuances should have read the first novel, of course.

All in all, I found the second one more compelling because it broaches the issue of the relationship between an author and his readers. The villain Morris Bellamy is so obsessed by his favourite author that he is ready to kill in order to get at unpublished material. His relationship to the author and the world he has created reminds me a lot of some fanatic fans out there who are vociferous about their demands on possible sequels, adaptations etc. Just as Annie Wilkes in Misery, Bellamy transgresses all sorts of boundaries, of course.

I am definitely looking forward to the third part of the series, End of Watch.

Der Blick von Außen

cover-jpg-rendition-460-707Neil MacGregor, der ehemalige Direktor des Britischen Museums, vermittelt Geschichte gerne über Objekte (s. Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten). Diesem Prinzip bleibt er auch in Germany: Memories of a Nation (Penguin, 2016) treu, welches ebenso wie das erste, über den Umweg als Podcast, eine Ausstellung des Britischen Museums begleitet hat. Anhand einiger Ausstellungsstücke, spezifischen Ereignissen, Gebäuden und Personen erzählt MacGregor hier die Geschichte des Landes, der Entwicklung vom der Kleinstaaterei hin zum heutigen Deutschland.

Dabei haben mich die vielen positiven Kommentare überrascht, vor allem über unseren Umgang mit der NS- und Kriegs-Vergangenheit. Gleich am Anfang sagt MacGregor, dass Monumente in Deutschland ganz anders sind, als in anderen Ländern. Als Beispiel nennt er das Siegestor in München. Auf der einen Seite scheint es ein ganz normaler Triumphbogen zu sein, so wie der Wellington Memorial Arch in London oder der Arc de Triomphe in Paris. Wo auf der einen Seite klassische Reliefs zu finden sind und die Inschrift „Dem Bayrischen Heere“, dessen Leistungen hier ursprünglich geehrt werden sollten, ist die andere Seite blank. Der Bogen wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Statt ihn wieder in den Originalzustand zu versetzen – und dabei weiter den Krieg zu verherrlichen – entschieden sich die Münchener für eine andere Aussage mit der Inschrift: „Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend“.

Mir ist selbst aufgefallen, dass ich z.B. die Erinnerungsfeiern der Briten zum Ersten Weltkrieg vor kurzem eher befremdlich fand. Denn trotz getragener Stimmung und Trauer, waren es immer noch Feiern. Mit Pathos, großem Tamtam und Helden und so. Ich habe gelernt, dass jeder Krieg furchtbar ist, dass es dabei nichts, aber auch gar nichts zu feiern gibt. Und als Konfliktlösungsmethode ist er sowieso völlig ungeeignet. Eine Bekannte aus Polen sagte vor kurzem, dass sie die Deutschen dafür schätzt, dass sie sich wirklich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben. So ähnlich drückt das MacGregor in seinem Buch auch aus. Ich fürchte nur, dass die Zeit des Vergessens und Verdrängens der dunkleren Erinnerungen langsam eingesetzt hat. Die Ausstellung im Britischen Museum fand vor dem Aufstieg von AfD, Pegida & Co. statt, und so klingen auch die letzten Worte im Buch mit dem Blick in die Zukunft vielleicht ein bisschen zu optimistisch.

The view from outside

Neil MacGregor, the former director of the British Museum, likes to mediate history through objects (cf. A History of the World in 100 Objects). He remains true to this principle in Germany: Memories of a Nation (Penguin, 2016), which accompanied, just as the first one, via a detour as a podcast, an exhibition at the British Museum. With the help of some exhibits, specific events, buildings or persons, he puts spotlights on the country’s history, its development from a conglomerate of small states to today’s Germany.

The many positive commentaries came as a surprise to me, especially about how we are handling our Nazi and general war legacy. Right at the beginning, MacGregor states that monuments are quite special in Germany compared to other countries. As an example he names the Siegestor arch in Munich. From one side, it looks like any other triumphal arc commemorating some sort of feat of war, such as the Wellington Memorial Arch in London or the Arc de Triomphe in Paris. The side shows reliefs in the classical style and the inscription “Dem Bayrischen Heere” (“To the Bavarian Army”) as you would expect, the other side is blank, however. It was damaged during the Second World War. Instead of restoring it to its former state – and thus continuing to glorify war – the people of Munich decided to convey a different message with the inscription: „Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend” (“Dedicated to victory, destroyed by war, urging peace.”).

I myself found the festivities to remember the First World War in the UK recently quite strange, for example. Despite a solemn mood and a show of mourning, they remained festivities. With pathos, tam-tam, heroes and such. I learned that any war is abominable, that there is nothing whatsoever to celebrate. And that is does not serve as a way to solve problems at all. An acquaintance from Poland recently noted that she values the Germans for their sincere examination of their own past, and MacGregor puts it similarly in his book. I am afraid, however, that the time of forgetting and suppressing some of the darker memories has set in. The exhibition at the British Museum took place before the rise of nationalist movements such as AfD, Pegida & Co., and so the final words of the book, looking into the future, sound maybe a bit too optimistic.

Wenn einem der gesunde Frauenverstand die Lektüre verhagelt

Vor Jahren habe ich die ersten beiden Bände von Dmitry Glukhovskys Metro-Reihe mit absoluter Begeisterung gelesen. Die dystopische Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft (2033) hat mich sofort fasziniert. Nach dem großen Atomkrieg ist die Welt radioaktiv verseucht. Nur in den Tiefen der Moskauer Metro ist noch Leben möglich. Das birgt allerdings tausende Gefahren.

Metro 2035 von Dmitry Glukhovsky

Als 2016 nun Metro 2035 auf Deutsch herauskam, kehrte ich in freudiger Erwartung in die Romanwelt zurück. Und die ist immer noch total faszinierend. Ich reise mit dem Finger auf dem Metroplan den Helden hinterher. Dort gibt es jede Menge Kleinstaaten mit den unterschiedlichsten Ideologien: von den Faschisten im Reich bis zu den Kommunisten an der Roten Linie, alles verbunden durch die Händler der Hanse an der Ringlinie.

Aber offensichtlich hat sich meine Leserhaltung verändert. Denn über eine Sache komme ich kaum hinweg: die Präsentation der Frauen in dieser düsteren Zukunft. Dabei wäre es so einfach gewesen. Die Welt ist eine schmutzige, harte. An den meisten Stationen gilt das Gesetz des Stärkeren. Ein Satz hätte genügt, um zu erklären, dass genau aus diesem Grund die Frauen in traditionellere Rollen zurückgedrängt wurden. Der fehlt allerdings, und damit setzt bei mir der Glaube an die Sekundärwelt aus. Man trifft sie nur beim Kochen, beim Schweinehüten, beim Tratschen und beim Pilze züchten. Es gibt keinerlei Erklärung, warum Frauen plötzlich nur noch für das traute Heim zuständig sind. Frauen sind nicht für den Wachdienst an den Stationen zuständig, es gibt keine weibliche Stationsvorsteherin, unter den Brahmanen, den Gelehrten, an den zivilisierten Stationen der Polis gibt es keine Frauen, von den militärischen Organisationen ganz zu schweigen. Selbst an der Roten Linie sind Frauen nicht gleichberechtigt. Im ersten Band tauchen sie außerdem nur am äußersten Rand der Geschichte auf.

Im zweiten Band ist tatsächlich einer der Hauptcharaktere weiblich. Sascha ist alleine mit ihrem Vater an einer ansonsten verlassenen Station aufgewachsen, deshalb ist sie wohl ansatzweise selbständig genug, um auf Abenteuerfahrt durch die Metro aufzubrechen. Natürlich erst, nachdem der Vater der Strahlenkrankheit erliegt und ein neuer imposanter Mann in ihr Leben tritt, um den sie sich nun kümmern möchte. Dem reist sie dann hinterher, um ihn vor sich selbst zu retten. Im neusten Band treffen wir Sascha dann an der Station Zwetnoi bulwar – das große Bordell der Metro – wieder, wo sie ihre ‚Berufung‘ in der Befriedigung der Männer gefunden hat … Starke – oder einfach nur realistische – Frauenrollen sehen wahrlich anders aus.

Hier ein paar (ver)störende Beispiele zum Frauenbild in den Romanen aus dem zweiten Band.

Metro 2034 von Dmitry Glukhovsky

Hintergrund zu Saschas Vater – der ja so ein toller Hecht gewesen sein muss:

Die Frauen hatten ihm stets von selbst ihre Banner zu Füßen gelegt. Von ihrer Nachgiebigkeit korrumpiert, konnte er mit jeder neuen Freundin stets seine Begierde befriedigen […]. (S. 154f)

Nach einer martialischen Beschreibung des Brigadiers Hunter (animalisch, Krieger, Befehl, Vernichtung …):

Und lange bevor Sascha ihre Furcht vor diesem Menschen unter Kontrolle bekam, […] sagte ihr eine innere Stimme – die Stimme der Frau in ihr -, dass auch sie ihm folgen würde. (S. 207)

Entschuldigung, wenn meine innere Frauenstimme mir dazu gar nichts sagen kann, da sie sich gerade übergibt.

Beschreibung von Sascha:

Sie war kein bisschen kokett und sie spielte nicht. So wenig wie sie sich für Feuerwaffen interessierte, so gleichgültig, ja fremd schien ihr auch das übliche weibliche Arsenal ergreifender Blicke und liebreizender Gebärden zu sein. (S. 243)

Ein wiederkehrendes Motiv:

Gerade jetzt hätte sie einen mächtigen Stamm gebraucht, an den sie sich lehnen, die sie umarmen konnte. […] Sascha hatte sich nur an ihn lehnen wollen, doch er hatte geglaubt, dass sie sich an seine Stiefel klammerte. (S. 312f)

Ein großes Highlight sind auch Frauen als kleine, dekorative Reliefbögen:

Dann, in dem marmornen Mittelgang der Dobryninskaja, hatte Sascha eine seltsame Erkenntnis: Die großen, innen ausgekleideten Bögen, durch die man zu den Gleisen gelangte, wechselten sich hier mit kleinen, dekorativen Reliefbögen ab. Immer ein großer, dann ein kleiner Bogen, wieder ein großer und wieder ein kleiner. Wie Mann und Frau, die sich an den Händen hielten, Mann und Frau, Mann und Frau … Und auf einmal spürte sie das Verlangen nach der breiten und starken Hand eines Mannes, in die sie ihre eigene legen konnte. Um sich darin nur ein wenig zu verbergen. (S. 371)

Natürlich ist es völlig legitim, eine solche Frauenrolle zu zeichnen. Allerdings bleibt der Eindruck zurück, dass es in dieser Welt nur Frauen nach diesem Schema F gibt. Wie gesagt, eine kurze Erklärung für diese spezielle Veränderung der Welt hätte Wunder gewirkt – auch wenn die fehlenden Frauen in wichtigen Positionen an den zivilisierten Stationen und an der Roten Linie immer noch nicht wirklich schlüssig gewesen wären. Und gerade in Russland ist die Fallhöhe extrem. Es ist das Land mit dem höchsten Anteil (45%) von Frauen in Führungspositionen auf der Welt. Das Ganze hat mich also tatsächlich so gestört, dass ich die Romane in Zukunft nicht mehr anrühren werde. 2036 hin oder her.

Eine botanische Familiensaga

seedScarlett Thomas schreibt mit The Seed Collectors, erschienen bei Canongate, eine botanische Familiensaga. Am Anfang und am Ende steht ein Stammbaum, der durch diverse Enthüllungen im Laufe der Geschichte verändert wird. Die wird aus der Sicht verschiedener Mitglieder der Gardener Familie und ein paar Außenstehender erzählt, inklusive eines Rotkehlchens. Während die Geschichte in der Realität verankert ist, ist sie durchzogen (genauso wie Thomas Sprache) mit Übertreibungen, Humor, dem Unglaublichen, ja dem Fantastischen. Das einzige Manko ist der Sex. Die Männer sind aggressiv, die Frauen träumen von Vergewaltigung. Bei einem ansonsten so einfallsreichen Roman, hätten Thomas wahrlich innovativere Spielarten einfallen können.

A botanical family saga

With The Seed Collectors, published by Canongate, Scarlett Thomas writes a botanical family saga. A family tree stands at the beginning and at the end, which undergoes a transformation through revelations throughout the course of the tale. This is related by various members of the Gardener family and some external characters, including a robin. While the setting is grounded in reality, it is imbued (together with Thomas’ language) with exaggerations, humour, the unbelievable and the fantastic. The only drawback is the sex. Men are aggressive, women dream of rape. In an otherwise incredibly inventive novel, Thomas could truly have thought up a few more innovative varieties.

Auf Lachempfehlung hin gelesen

Vor einiger Zeit saß ich im Zug, neben einer lesenden Frau. Die fing plötzlich lauthals an zu lachen – und hörte einfach nicht mehr auf. Kaum hatte sie sich ein bisschen beruhigt, die Tränen weggewischt, so dass sie ein paar Zeilen weiterkam, ging der Lachkrampf weiter. Sie hat sich dann bei mir entschuldigt.

„Sie brauchen sich doch dafür nicht zu entschuldigen. Sie müssen mir nur verraten, was sie da gerade lesen.“

KerkelingEs war Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling. Als ich das Buch dann bei einem Flohmarkt entdeckte (bei dem ich schon Tschik erstanden hatte), musste ich natürlich gleich zuschlagen. Und ja, ich habe viel gelacht, wenn auch nicht laut und öffentlich (das ist mir bisher nur bei irgendeinem Terry Pratchett – natürlich auch im Zug – passiert), aber amüsiert habe ich mich trotzdem köstlich. Neben Kerkelings wundersamen Begegnungen auf dem Jakobsweg, erfährt man mehr über den Künstler, seine Ansichten und einiges Biographisches. Das Buch ist natürlich was für Fans von Hapes Humor, sollte aber auch von jedem gelesen werden, der sich auf große Pilgerfahrt begeben möchte. Besser man ist gewarnt …

Mal wieder mit Verspätung zum Kultroman gekommen

Am Wochenende habe ich nach einem Museumsbesuch bei einer Umfrage teilgenommen. Eine Frage dabei war, ob ich unter meinen Freunden immer die erste sei, die neue Trends, kulturelle Neuigkeiten usw. entdeckt. Definitiv nicht!

tschikGerade bei Kultbüchern bin ich oft spät dran. In die Harry Potter-Romane bin ich zum Beispiel erst nach der Erscheinung von Band 4 im Taschenbuch eingestiegen. A Song of Ice and Fire habe ich erst vor zwei Jahren gelesen, obwohl mir diverse Freunde die Romanreihe schon vor über einem Jahrzehnt ans Herz gelegt hatten. Von Tschik von Wolfgang Herrndorf habe ich auch erst mit einiger Verspätung in einem Forum erfahren. Die Empfehlung klang ganz gut, aber die Beschreibung als Kultroman für Jugendliche hat mich dann doch erst mal wieder vom Kauf abgehalten. Dann habe ich das Buch auf einem Flohmarkt als Taschenbuch (Rowohlt, 2012) gefunden und doch zugeschlagen.

Und was soll man sagen? Das Buch verdient tatsächlich all das Lob, mit dem es überschüttet wurde. Der Tschik ist ein Abenteuerroman, ein Roadmovie mit skurrilen Begegnungen, eine Geschichte über die Jugend, und trotzdem bei weitem nicht nur was für Jugendliche. Ich bin total auf den Film gespannt, denn ich glaube bei Fatih Akin ist der Stoff in guten Händen.