Großartige kleine Welten

Die Phantastische Bibliothek Wetzlar gibt regelmäßig Kürzestgeschichten in ihrer Reihe „Phantastische Miniaturen“ heraus. Dem Leser werden dabei auf engstem Raume eine Vielfalt unterschiedlichster phantastischer Welten präsentiert. Der 5. Band der Reihe (September 2013) passt dazu thematisch besonders gut. In Nanowelten, herausgegeben von Thomas Le Blanc, dreht sich alles um ganz besonders kleine Dinge.

Neben den zu erwartenden düsteren Geschichten über mögliche Gefahren der Nanotechnologie, gibt es tatsächlich viel Witziges zu entdecken – allen voran Troys verräterische Nano-Pigmentos in André Lautenbachers „Disconight“ und der „Lesefehler“ von Alexander Röder – und natürlich Einblicke in winzig kleine Welten. So bekämpfen „Rote Ritter“ im gleichnamigen Beitrag von Friedhelm Schneidewind Krebszellen, die sich in einer weiteren Geschichte des Autors („Mini-Demokratie“) als Mini-Vampire herausstellen. Auf die Spitze des Miniaturisierens treibt es Karl-Ulrich Burgdorf mit seinem „Beitrag aus der Nanowelt“, der nur mit einem Nano-Lesegerät oder einer speziellen Nano-App gelesen werden kann.

Trotz Kürze und Thema: in den Nanowelten finden sich einige sehr große Geschichten. Wer die Bibliothek besucht, sollte sich unbedingt ein Exemplar sichern! Alternativ kann man die Bände auch per E-mail bestellen.

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Vergessener Sandman

Es ist schon eine ganze Weile her, da habe ich den ’neusten‘ Sandman-Comic (die Deluxe-Ausgabe erschienen 2015 bei Vertigo) von Neil Gaiman gekauft. Der landete dann irgendwie nicht auf meinem Stapel mit ungelesenen Büchern. Aus den Augen, aus dem Sinn – auch wenn ich mir nicht ganz erklären kann, wie ausgerechnet die Fortführung meiner absoluten Lieblingscomicreihe so in Vergessenheit geraten konnte.

Zum Glück bin ich ja wieder drüber gestolpert, habe dabei aber nicht wirklich auf den Titel geachtet. Das letzte Lesen der Reihe war schon ein paar Jahre her, so dass ich freudig das ganze Abenteuer von vorne begann (so dachte ich jedenfalls), bevor ich mich dem neusten Band widmete.

Die Reihe fängt damit an, dass Traum (aka Dream, Morpheus, Oneiros …) – einer der neun Ewigen – von einem okkulten Zirkel gefangen gesetzt wird – versehentlich, wie sich herausstellt, da sie eigentlich seine Schwester Tod einfangen wollten. Die weiteren Geschichten entspinnen sich dann um die Probleme im Traumreich und in der realen Welt, die entstehen, wenn der Herrscher der Träume nicht anwesend ist, und um die Rekonstruktion des Reiches nach Morpheus Entkommen aus der Gefangenschaft.

Der neue Band, The Sandman: Overture, setzt natürlich vor der Reihe an. Hier wird erklärt, wie es überhaupt dazu kam, dass Morpheus gefangen genommen werden konnte. Gaiman nimmt uns wieder mit auf eine phantastische Reise, diesmal auch in die Träume ferner Galaxien. Er erzählt im Vorwort, dass er eine Geschichte geschrieben habe, die unmöglich zu illustrieren war – und doch ist es J.H. Williams III gelungen, das Unmögliche glaubhaft und in wunderschönen Farbexplosionen aufs Papier zu bringen. Man muss das Buch einige Male beim Lesen drehen und größere Bildtafeln aufklappen. Die Deluxe-Ausgabe hat zum Schaffensprozess außerdem noch einige Extras parat.

Im Endeffekt war es gar nicht schlimm, dass ich die Ouvertüre erst nach der Reihe gelesen habe. Denn so habe ich mir die Überraschungen, die neuen Charaktere, das Beste bis zum Schluss aufgehoben. Wer den Sandman noch nicht gelesen hat: unbedingt nachholen!

Forgotten Sandman

It’s been a while since I bought the ‚latest‘ Sandman comic (the Deluxe Edition was published by Vertigo in 2015) by Neil Gaiman. It somehow did not land on the ‚unread‘ pile and was forgotten – though I cannot for the life of me say how that happened to the newest addition to my absolute favourite comic series.

Fortunately I stumbled over it again, just didn’t really read the title. It’s been a few years since I (re-)read the series so that I started the whole adventure from its beginning (or so I thought) before turning to the new instalment.

The series starts with the capture of Dream (aka Morpheus, Sandman, Oneiros …) – one of the nine Endless – by an occult circle. He is imprisoned by mistake, as they originally targeted Dream’s sister Death. The story that unfolds tells about the problems that arise from the absence of the Lord of Dreams in his realm as well as in the real world, and about the reconstruction of the realm after Morpheus escapes his prison.

The new volume, The Sandman: Overture, takes place before the series, of course. It explains how it was possible to capture Morpheus in the first place. Gaiman takes us on a fantastic journey, including into dreams of other galaxies. In the foreword, he says that he has written a story which is impossible to illustrate – and yet J.H. Williams III managed to create the impossible with believable and colourful explosions on paper. You have to turn the book around several times to read it and to open up larger picture panels. The Deluxe Edition also features additional material on the creative process.

In the end, it wasn’t bad at all that I’d read the overture after the series. That way, I saved the surprises, the new characters, the best for last. If you have not read The Sandman yet: go get it now!

Cover Detail The Sandman: Overture #5 (Quelle/Source: Vertigo)

Eine (fast) tragische Liebesgeschichte

Am Wochenende war ich auf dem Tolkien Lesefest der Deutschen Tolkien Gesellschaft in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. Unter dem Motto: „Die Leiden des jungen Tolkien“ drehte sich dort alles um die Geschichte über den Sterblichen Beren, der sich in die Unsterbliche Lúthien verliebt – und wie Tolkien seine eigene (fast) tragische Liebesgeschichte dazu inspiriert hat.

Es gab eine Komplettlesung einer frühen Fassung der Geschichte aus der in diesem Jahr erschienen Textsammlung Beren und Lúthien, herausgegeben von Christopher Tolkien. Die Sammlung, im Original erschienen bei Harper Collins, beinhaltet mehrere (Teil-)Fassungen, teils in Versform. In der deutschen Ausgabe von Klett-Cotta ist somit zum ersten Mal ein Teil der Lays of Beleriand (The History of Middle-earth III) in deutscher Übersetzung erhältlich. Ein Leser, der rein auf die Geschichte aus ist, ist wohl mit der Zusammenfassung im Silmarillion immer noch besser bedient (oder natürlich mit dem epischen Gedicht aus den Lays, sofern er des Englischen mächtig ist). Aber alle die, die die Entstehung und Entwicklung einer Geschichte faszinieren – oder Illustrationen von Alan Lee lieben – machen beim Kauf des Buches nichts falsch. Ich fand zum Beispiel besonders spannend, dass Beren in der ersten Fassung noch ein Elb war. Die Änderung zum Sterblichen macht die Geschichte am Ende viel dramatischer.

Fantastische Miniaturen

Beim Lesefest gab es übrigens noch einen Vortrag zu Tolkiens Leben, mit Fokus auf der Begegnung und der sich entspinnenden Liebesgeschichte mit Edith. Außerdem konnte man Miniaturen bemalen, Mittelerde-Spiele ausprobieren, einen Zeichenworkshop absolvieren, ein Quiz bestreiten – oder sich ganz einfach im L-Space der Phantastischen Bibliothek verlieren. Wenn alles klappt, findet im nächsten Jahr wieder ein Tolkien Lesefest dort statt. Ich freue mich schon!

V – Heiligt der Zweck alle Mittel?

Das ist die zentrale Frage in V for Vendetta von Alan Moore (meine Ausgabe: DC, 2015). Nach dem Dritten Weltkrieg hat die faschistische Nordfeuer-Partei die Macht übernommen und England in einen totalitären Staat verwandelt. V, ein Anarchist und Terrorist in Guy Fawkes-Maske, kämpft im Alleingang gegen das Regime. Und dabei ist ihm jedes Mittel recht. Während der Leser natürlich mit dem Ziel des Umsturzes sympathisiert, strapaziert V durch seine massive Gewaltanwendung – auch gegenüber Unschuldigen – das anfängliche Wohlwollen. Und genau in diesem Spannungsfeld des Utilitarismus liegt die Faszination des Comics.

V – Does the end justify all means?

That is the central questions in V for Vendetta by Alan Moore (my edition: DC, 2015). After the Third World War, the fascist Norsefire Party has seized power and turned England into a totalitarian state. V, an anarchist and terrorist who is wearing a Guy Fawkes mask, is single-handedly fighting the regime. And he uses all possible means. While the reader of course sympathises with his goal to overthrow the status quo, V’s use of violence – also against innocents – soon puts a strain on the initial goodwill. And it is exactly this utilitarian conflict that makes V such a fascinating comic.

Der Herzog von Portland

William Cavendish-Scott-Bentinck hat mich bereits bei der ersten Begegnung auf dem Kensal Green Friedhof fasziniert. Als ich dann über Mick Jacksons Roman über den Herzog von Portland gestolpert bin, musste ich natürlich gleich zugreifen. The Underground Man (meine Ausgabe: Faber and Faber, 2007) erzählt die Geschichte des Herzogs aus verschiedenen Blickwinkeln. Der meiste Text stammt aus dem fiktionalen Tagebuch des Herzogs selbst, aber es gibt auch ‚Augenzeugenberichte‘ von Bediensteten oder Nachbarn.

Der exzentrische Herzog wird dabei von Jackson als ein Mann mit wunderbar spitzfindig-verschrobenem Geist beschrieben. So schreibt er über eine Taschenuhr, die er von einer Frau geschenkt bekommen hat, die seinen Heiratsantrag abgelehnt hat:

It is a beautiful watch, and perhaps ironic that such a fine example of craftsmanship should should sit in my waistcoat pocket and be a neighbour to my heart which, being merely human, has functioned so poorly since the two were introduced.

(S. 55)

Der Platz des Buches auf der engeren Auswahlliste für den Booker-Preis ist hochverdient.

The Duke of Portland

William Cavendish-Scott-Bentick already fascinated me on my first encounter with him on Kensal Green Cemetery. When I stumbled over Mick Jackson’s novel about the Duke of Portland, I had to buy it, of course. The Underground Man (my edition: Faber and Faber, 2007) tells the story of the Duke from different points-of-view. Most of the text consists of excerpts from the Duke’s fictional diary but there are also ‚eye-witness accounts‘ by servants or neighbours.

Jackson describes the eccentric Duke as a man with a wonderfully quirky mind. Thus he writes about a pocket watch he was gifted by a woman who rejected his marriage proposal:

It is a beautiful watch, and perhaps ironic that such a fine example of craftsmanship should should sit in my waistcoat pocket and be a neighbour to my heart which, being merely human, has functioned so poorly since the two were introduced.

(p. 55)

The book’s shortlisting for the Booker Prize comes well-deserved.

Der letzte Polizist

Hank Palace ist der letzte Polizist auf Erden. Naja, noch nicht ganz der letzte – aber der letzte, der seinen Job noch richtig ernst nimmt. Die meisten haben ihren Dienst quittiert, andere kommen nur noch, wenn sie sonst nichts besseres zu tun haben, viele sind tot. Und den Nerv für eine genaue Prüfung eines augenscheinlichen Selbstmords – von denen es gerade sowieso Unmengen gibt – hat auch niemand mehr.

Denn Asteroid 2011GV rast auf die Erde zu und wird in etwa einem halben Jahr mit katastrophalen Folgen einschlagen.

Das Setting in der Prä-Apokalypse macht diesen Krimi von Ben H. Winters (meine Ausgabe: Quirk, 2012) zu etwas ganz besonderem, denn es geht nicht nur um die Auflösung eines mysteriösen Todesfalls, sondern auch um den Zerfall einer Gesellschaft und den Umgang mit dem (fast) sicheren Tode eines jeden einzelnen.

Was würdest du tun, wenn wir alle nur noch sechs Monate zu leben hätten?

The Last Policeman

Hank Palace is the last policeman on earth. Well, not quite the last one – but the last one who still cares about his job. Most have left their post, others are only coming in when they don’t have anything better to do, a lot are dead. And no one has the patience to dig into the details of an apparent suicide – of which there are countless out there anyway.

And that is because asteroid 2011GV is racing towards earth and will hit in about half a years‘ time, with catastrophic impact.

The pre-apocalyptic setting is what makes this crime novel by Ben H. Winters (my edition: Quirk, 2012) special, because it does not only deal with solving a mysterious murder but also with a deteriorating society and how each individual comes to grips with (almost) certain death.

What would you do if you knew that we all just had another six months to live?

Geiler Anfang

Zwei Engel unterhalten sich über geheime Namen, also die Worte, die einem Macht über ein Wesen geben. Schnell stellt sich heraus, dass sie damit die DNS meinen. Diese originelle Umsetzung des traditionellen mythologischen Motivs findet sich in Harry Mulischs Die Entdeckung des Himmels (meine Ausgabe: Rowohlt, 2016). Die Engel setzen dann Himmel und Erde in Bewegung, um einen ganz bestimmten Menschen („Unser Mann auf Erden“) zu kreieren. Da werden Weltkriege angezettelt, um die passenden Großeltern/Eltern zusammenzubekommen.

Allerdings fand ich das relativ normale Leben der eigentlichen Protagonisten dann etwas antiklimaktisch – und vor allem viel zu langatmig erzählt. Die kleingehaltene Frau wollte mir auch nicht so recht gefallen. Also, prima Konzept, klasse Anfang, dann aber deutliche Abzüge im weiteren Romanverlauf.

Eine Reise durch Zeit und Raum

Landart-Künstler Andy Goldsworthy nimmt uns in Passage (meine Ausgabe: Thames & Hudson, 2007) mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. Er zeigt uns, wie seine Werke sich in einem anderem Umfeld oder nach einer gewissen Zeit verändern. Die in diesem Bildband vorgestellten Projekte – teils von Kuratoren, teils von Goldsworthy selbst – reichen von Großprojekten wie der Errichtung diverser cairns (aufgeschichtete Steinkegel) oder dem Garten der Steine im Museum of Jewish Heritage in New York, bis hin zu kleineren Werken mit Laub und Stöcken – die ich fast am faszinierendsten finde.

A journey through time and space

In Passage (my edition: Thames & Hudson, 2007), landartist Andy Goldsworthy takes us on a journey through time and space. He shows us how his works are changing in a different environment or after a certain amount of time. The projects presented in this coffee-table book – partly by curators, partly by Goldsworthy himself – range from large ones such as the building of several cairns or the Garden of Stones in the Museum of Jewish Heritage in New York, to smaller ones made of fallen leaves and sticks – which I actually find the most fascinating.

Ein bisschen maso muss man schon sein

… wenn man Concierge in einem Nobelhotel werden will. Jedenfalls bekommt man den Eindruck, wenn man Der Concierge: Vom Glück, für andere da zu sein (meine Ausgabe: Bastei Lübbe, 2015) von Jürgen Carl liest. Der arbeitete seit 1966 im Frankfurter Hof und hat dementsprechend natürlich jede Menge wunderbare, aber auch unmögliche Menschen erlebt. Die Engelsgeduld, mit der er manch einem Exemplar dabei begegnet ist mehr als bemerkenswert – und ging einige Male über das Maß hinaus, das ein solcher Dienstleister zu erdulden verpflichtet ist. Aber hier hat ein Mensch nicht nur seinen Beruf, sondern seine Berufung gefunden. Deshalb ging er auch erst 2014, mit 75 Jahren, in den Ruhestand. Obwohl ich im Frankfurter Hof ein und ausgehe, habe ich ihn nie getroffen. Denn ich benutze den Seiteneingang, über den man direkt zu den Konferenzräumen gelangt. Wer sich für eine Zeitreise und einen Blick auf die Arbeit hinter den Kulissen in einem Grandhotel interessiert, dem sei dieses kleine Buch wärmstens ans Herz gelegt.

Schräge Typen tragen das Laienspiel

Kommissar Kluftinger bekommt in seinem vierten Fall Unterstützung vom BKA und von den Kollegen aus Österreich. Und das ist auch gut so, denn bei dem Versuch der Vereitelung eines Terroranschlags hat der Leser eins und eins längst zusammengezählt, während die Ermittler allesamt noch auf der falschen Fährte sind. Es ist also wieder mal nicht der Fall, sondern die schrägen Typen, die das Laienspiel (meine Ausgabe: Piper, 2012) zum Lesespaß machen. Neben den üblichen Verdächtigen, also Kluftiger & Ko(llegen), glänzt diesmal vor allem noch Valentin Bydlinski, der ungeliebte Kollege aus Österreich.