Geiler Anfang

Zwei Engel unterhalten sich über geheime Namen, also die Worte, die einem Macht über ein Wesen geben. Schnell stellt sich heraus, dass sie damit die DNS meinen. Diese originelle Umsetzung des traditionellen mythologischen Motivs findet sich in Harry Mulischs Die Entdeckung des Himmels (meine Ausgabe: Rowohlt, 2016). Die Engel setzen dann Himmel und Erde in Bewegung, um einen ganz bestimmten Menschen („Unser Mann auf Erden“) zu kreieren. Da werden Weltkriege angezettelt, um die passenden Großeltern/Eltern zusammenzubekommen.

Allerdings fand ich das relativ normale Leben der eigentlichen Protagonisten dann etwas antiklimaktisch – und vor allem viel zu langatmig erzählt. Die kleingehaltene Frau wollte mir auch nicht so recht gefallen. Also, prima Konzept, klasse Anfang, dann aber deutliche Abzüge im weiteren Romanverlauf.

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Eine Reise durch Zeit und Raum

Landart-Künstler Andy Goldsworthy nimmt uns in Passage (meine Ausgabe: Thames & Hudson, 2007) mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. Er zeigt uns, wie seine Werke sich in einem anderem Umfeld oder nach einer gewissen Zeit verändern. Die in diesem Bildband vorgestellten Projekte – teils von Kuratoren, teils von Goldsworthy selbst – reichen von Großprojekten wie der Errichtung diverser cairns (aufgeschichtete Steinkegel) oder dem Garten der Steine im Museum of Jewish Heritage in New York, bis hin zu kleineren Werken mit Laub und Stöcken – die ich fast am faszinierendsten finde.

A journey through time and space

In Passage (my edition: Thames & Hudson, 2007), landartist Andy Goldsworthy takes us on a journey through time and space. He shows us how his works are changing in a different environment or after a certain amount of time. The projects presented in this coffee-table book – partly by curators, partly by Goldsworthy himself – range from large ones such as the building of several cairns or the Garden of Stones in the Museum of Jewish Heritage in New York, to smaller ones made of fallen leaves and sticks – which I actually find the most fascinating.

Ein bisschen maso muss man schon sein

… wenn man Concierge in einem Nobelhotel werden will. Jedenfalls bekommt man den Eindruck, wenn man Der Concierge: Vom Glück, für andere da zu sein (meine Ausgabe: Bastei Lübbe, 2015) von Jürgen Carl liest. Der arbeitete seit 1966 im Frankfurter Hof und hat dementsprechend natürlich jede Menge wunderbare, aber auch unmögliche Menschen erlebt. Die Engelsgeduld, mit der er manch einem Exemplar dabei begegnet ist mehr als bemerkenswert – und ging einige Male über das Maß hinaus, das ein solcher Dienstleister zu erdulden verpflichtet ist. Aber hier hat ein Mensch nicht nur seinen Beruf, sondern seine Berufung gefunden. Deshalb ging er auch erst 2014, mit 75 Jahren, in den Ruhestand. Obwohl ich im Frankfurter Hof ein und ausgehe, habe ich ihn nie getroffen. Denn ich benutze den Seiteneingang, über den man direkt zu den Konferenzräumen gelangt. Wer sich für eine Zeitreise und einen Blick auf die Arbeit hinter den Kulissen in einem Grandhotel interessiert, dem sei dieses kleine Buch wärmstens ans Herz gelegt.

Schräge Typen tragen das Laienspiel

Kommissar Kluftinger bekommt in seinem vierten Fall Unterstützung vom BKA und von den Kollegen aus Österreich. Und das ist auch gut so, denn bei dem Versuch der Vereitelung eines Terroranschlags hat der Leser eins und eins längst zusammengezählt, während die Ermittler allesamt noch auf der falschen Fährte sind. Es ist also wieder mal nicht der Fall, sondern die schrägen Typen, die das Laienspiel (meine Ausgabe: Piper, 2012) zum Lesespaß machen. Neben den üblichen Verdächtigen, also Kluftiger & Ko(llegen), glänzt diesmal vor allem noch Valentin Bydlinski, der ungeliebte Kollege aus Österreich.

Der Meister seltsamer Welten

… ist China Miéville. Wenn man anderen Leuten von seinen Geschichten – und dabei insbesondere deren Settings erzählt – wird man schon mal schief angeschaut. Seine Welten und deren Bewohner sind seltsam (z.B. seine Kaktusmenschen in Bas-Lag), aber er beherrscht es wie kaum ein anderer, diese seltsamen Wesen und Orte glaubwürdig zu machen. In Railsea (meine Ausgabe: Pan, 2013) kreiert er eine Welt, in der das Überqueren von Erde genauso gefährlich ist, wie das durchsegeln eines Ozeans voller Seeungeheuer. Die ungeheuerlichsten Monster auf dem Schienenmeer (Railsea) – das man natürlich mit Zügen überquert – sind Moldywarpes, Riesenmaulwürfe die wie Wale gejagt werden. Die Geschichte folgt dem jungen Maulwurffänger Sham Yes ap Soorap auf seiner ersten Fahrt. Ein kurioser Fund in einem Zugwrack, bringt das Abenteuer so richtig in Gang. Obwohl Railsea ein Jugendbuch ist, schafft Miéville es, darin gewichtigen Themen wie Kritik am heutigen Kapitalismus unterzubringen. Genau diese Relevanz ist es, die ich an guter Fantasy schätze.

The Master of weird worlds

… is China Miéville. If you tell people about his stories – and especially their settings – they are bound to give you an astounded look or two. His worlds and their inhabitants are strange (e.g. his cactus people in Bas-Lag), but he has mastered the art of making them believable. In Railsea (my edition: Pan, 2013), he creates a world where traversing soil is as dangerous as sailing across a seamonster-infested ocean. The fiercest monsters on the Railsea – on which you travel by train, of course – are moldywarpes, giant moles which are hunted like whales. The story follows young moler Sham Yes ap Soorap on his first trip out on the sea. A curious find on a wrecked train starts off the adventure proper. Although a young adult novel, the book still deals with weighty topics such as a critique of today’s capitalism. This is exactly the kind of relevance I value in good fantasy stories.

 

Gelegenheitslektüre

Ich habe schon vor einiger Zeit mit Umberto Ecos Die Geschichte der legendären Länder und Städte angefangen – und bin immer noch nicht durch. Obwohl es ein Taschenbuch ist, ist die Ausgabe (dtv, 2015) sehr schwer, so dass es sich nicht gut als Reise- oder Pendlerlektüre eignet. Aber das ist gar nicht schlimm, denn die episodenhafte Kapitelstruktur macht das Buch zu einer idealen Gelegenheitslektüre.

Eco nimmt uns mit an mythische Orte, angefangen mit der Erde als Scheibe und den Antipoden. Dabei gibt er erst mal einen Überblick, wo und wann die Orte zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden, und welche Geschichten sich im Laufe der Jahrhunderte – teils bis in die heutige Zeit – um die jeweiligen Orte entsponnen haben. Danach gibt es passende Auszüge aus den Quellentexten, und alles ist groß und bunt bebildert. Dabei haben mich einige der älteren Quellentexte mit ihrer guten Lesbarkeit (jedenfalls in der deutschen Übersetzung) überrascht. Auch häppchenweise konsumiert ist das Buch eine wunderbare Einladung, in die ein oder andere Geschichte tiefer einzusteigen.

Man muss die Rat Queens einfach lieben

Ihre Abenteuer sind genau wie die, die man mit der langjährigen Rollenspieltruppe erlebt: man versinkt ganz im Charakter, der über die Jahre zur zweiten (oder dritten oder vierten …) Haut geworden ist, brilliert mit total verrückten Ideen („Ich fange den Thermal-Detonator einfach auf!“) und nimmt sich dabei vor allem selbst kein bisschen Ernst (den Charakter natürlich schon).

Mit genau dieser Stimmung lockt Kurtis J. Wiebes Rat Queens Comic-Serie, erschienen bei Image. Die Abenteurertruppe besteht aus einem Elbenmagier, einem Zwergenkrieger, einem menschlichen Kleriker und einem Halbling-Dieb. Soweit das Fantasy-Klischee. Was danach kommt ist aber alles andere als klischeehaft. Alle Charaktere sind weiblich und haben sehr unterschiedliche Körpertypen. Die Elbin Hannah sieht aus wie eine Rockabilly-Braut; Zwergin Violet kämpft nur in allerneuster Rüstung; die dunkle Dee ist eigentlich Atheistin und der kleine Hippie Betty ernährt sich am liebsten von Süßigkeiten und Rauschmitteln.

Im ersten Sammelband, Sass and Sourcery, lernen wir die Stadt Palisade und deren Probleme (Abenteurer!) kennen. Neben den Rat Queens gibt es dort u.a. noch die Peaches (Pfirsiche), die Four Daves (Vier Daves), die Brother Ponies (Gebrüder Pony) und die Obsidian Darkness (Obsidianische Dunkelheit). Nachdem einige die Aufträge, die ganz offiziell von der Stadtverwaltung kommen, nicht überleben, beginnt das eigentliche Abenteuer um die Aufklärung der Todesfälle. Blutig geht es zu, und tief, mit Themen wie Freundschaft und Beziehungen. Vor allem aber fehlt es an einem nicht: am Spaß!

Gotta love the Rat Queens

Their adventures are like those you experience with your long-term roleplaying group: you sink into your character, which has become your second (or third or fourth…) skin over the years, you dazzle the GM with totally crazy ideas („I’ll simply catch the thermal detonator!“) and you do not take yourself seriously at all (but you do that for the character).

This is exactly the mood Kurtis J. Wiebe’s Rat Queens, published by Image, conjures up. The adventure group consists of an elven magician, a dwarven warrior, a human cleric and a halfling thief. That is how far the cliché goes. After that, nothing is cliché anymore. All characters are female, with distinctively different body types. Hannah the Elf looks like a Rockabilly broad, the dwarf Violet is only seen fighting in the latest armour fashion, dark Dee is really an atheist and the small hippy Betty loves sweets and drugs.

In the first collected volume, Sass and Sourcery, we are introduced to the city of Palisade and its problems (adventurers!). Apart from the Rat Queens, there are also the Peaches, the Four Daves, the Brother Ponies and Obsidian Darkness. When some of them do not survive missions set officially by the city, the real adventure of solving the riddle of these deaths begins. The stories are bloody and deep, with themes including friendship and relationships. But first and foremost, they are one thing: fun!

Bilder/Pictures: Image

Die Alternative in der Alternative

Philip K. Dicks The Man in the High Castle (übersetzt als: Das Orakel vom Berge, meine Ausgabe: Penguin, 2001) hat alles was ein alternativer historischer Roman braucht – inklusive eines beliebten alternativen historischen Romans. In der Alternativwelt haben die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen und die USA in einen von Deutschland im Osten und einen von den japanischen Alliierten besetzten Teil in Westen, mit den Rocky Mountains als Pufferzone in der Mitte, aufgeteilt. Im Alternativroman The Grasshopper Lies Heavy (Schwer liegt die Heuschrecke) haben die Nazis den Krieg verloren. Die Alternativversion der Alternativversion hat nichts mit unserer Geschichte zu tun, aber zeigt uns, wie nur kleine Veränderungen die Geschehnisse beeinflussen hätten können. Dabei Dick zeichnet ein faszinierendes Bild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in der Alternativwelt. Ich habe die Serie (noch) nicht gesehen, aber das Buch kann ich allen Fans von alternativen Geschichtsszenarien und Dystopien wärmstens empfehlen.

Alternative inside the alternative

Philip K. Dick’s The Man in the High Castle (my edition: Penguin, 2001) has everything an alternative history novel needs – including a widely popular alternative history novel. In the alternative world, the Nazis won World War II and divided the US into an eastern part occupied by the Germans and a western one occupied by their Japanese allies, with the Rocky Mountains serving as a buffer zone. In the alternative novel The Grasshopper Lies Heavy, the Nazis have lost the war. The alternative version inside the alternative version is not our history, but it shows what other possible outcomes the war could have had. Meanwhile, Dick paints a fascinating picture of the world across the social stratum. I have not (yet) watched the series, but the book comes highly recommended to all fans of alternative historic novels and dystopias.

Die Wiege des Steampunk

differencejpgWilliam Gibsons und Bruce Sterlings The Difference Engine (Die Differenzmaschine) hat das Genre des Steampunks mitgeprägt. Die Geschichte begleitet Sybil Gerard, die Tochter eines hingerichteten Ludditen, Edward ‚Leviathan‘ Mallory, ein Paläontologe, und Laurence Oliphant, ein Spion der sich als Reiseberichterstatter ausgibt. Deren meist separate Handlungsstränge sind durch einen Stapel mysteriöser Lochkarten und Personen, die diese an sich bringen wollen, verbunden.

Das Buch hat einen voll ausgebauten alternativen historischen Hintergrund, von dem der Leser teilweise aus Zeitungsausschnitten, Gedichten, Postern oder Briefen erfährt. In diesem alternativen viktorianischen Großbritannien gelingt es zum Beispiel dem Universalgelehrten Charles Babbage einen dampfbetriebenen Computer zu bauen, Lord Byron regiert das Land und John Keats ist ein Kinotropist. Obwohl dieser Hintergrund total faszinierend ist, hätten die drei Handlungsstränge geschickter verwebt werden können. Sie wirken irgendwie ausgefranst, so dass die Iterationen nicht ihr volles Potential entfalten. Trotzdem müssen Steampunk-Fans das Buch natürlich unbedingt lesen.

The origin of steampunk

William Gibson’s and Bruce Sterling’s The Difference Engine is widely regarded as the book that helped establish the genre conventions of steampunk. The story centres around Sybil Gerard, the daughter of an executed Luddite, Edward ‘Leviathan’ Mallory, a paleontologist, and Laurence Oliphant, a spy posing as a travel writer. Their mostly separate story lines are linked by a set of mysterious computer punch cards and the agents trying to obtain them.

The novel comes with a fully-fledged alternative historical background, partly gleaned through newspaper clippings, poems, posters or letters. In this alternative Victorian Britain, polymath Charles Babbage succeeds in building a steam-powered computer, Lord Byron rules the country and John Keats is a kinotropist, for example. Though the backdrop is totally fascinating, the three stories could have been woven together a bit tighter and neater. The story threads seem  frayed so that the iterations do not realise their full potential. Nevertheless, the book is a must-read for steampunk fans.

Byatts Ragnarök

byatt-ragnarokA.S. Byatts Ragnarok: The End of the Gods (meine Ausgabe: Canongate, 2016) ist eine ganz besondere Nacherzählung des Nordischen Apokalypse-Mythos, die mit den Erfahrungen der Autorin im Zweiten Weltkrieg verwoben wird. Das „dünne Kind im Krieg“ (S. 3, meine Übersetzung) begegnet Nordischen Sagas und findet sie viel faszinierender als die Geschichten der Bibel.

“The thin child thought that these [Bible] stories – the sweet, cotton-wool meek and mild one, the barbaric sacrificial gloating one, were both human make-ups, like the life of the giants in the Riesengebirge. Neither aspect made her want to write, or fed her imagination.” (S. 12)

Byatt erforscht die Macht der Mythen und der Phantastik – und deren Aktualität in der heutigen Zeit. Obwohl die drei Teile (Kindheitserinnerung, Nacherzählung der Saga und das Essay) sicher keinen typischen Roman ergeben, versteht Byatt es, die Teile zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen: zu einem Text über die Relevanz der Saga für sie selbst und den Rest der Welt.

Das Buch stammt aus der The Myths-Serie von Canongate, in der berühmte Autoren Mythen nacherzählen.

Byatt’s Ragnarok

A.S. Byatt’s Ragnarok: The End of the Gods (my edition: Canongate, 2016) is a unique retelling of the Norse apocalyptic myth interwoven with the author’s own experiences during World War II. The “thin child in wartime” (p. 3) encounters the Norse sagas and finds them so much more fascinating than the stories in the Bible.

“The thin child thought that these [Bible] stories – the sweet, cotton-wool meek and mild one, the barbaric sacrificial gloating one, were both human make-ups, like the life of the giants in the Riesengebirge. Neither aspect made her want to write, or fed her imagination.” (p. 12)

Byatt explores the power of myths and the fantastic and how they are still pertinent today. Though the three parts of childhood memory, saga retelling and the essay certainly do not make for a typical novel, Byatt manages to pull it all together into one coherent text on the saga and its relevance to herself as well as the rest of the world.

The book is part of the The Myths series by Canongate, which published retellings of myths by well-known authors.