Eine (fast) tragische Liebesgeschichte

Am Wochenende war ich auf dem Tolkien Lesefest der Deutschen Tolkien Gesellschaft in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. Unter dem Motto: „Die Leiden des jungen Tolkien“ drehte sich dort alles um die Geschichte über den Sterblichen Beren, der sich in die Unsterbliche Lúthien verliebt – und wie Tolkien seine eigene (fast) tragische Liebesgeschichte dazu inspiriert hat.

Es gab eine Komplettlesung einer frühen Fassung der Geschichte aus der in diesem Jahr erschienen Textsammlung Beren und Lúthien, herausgegeben von Christopher Tolkien. Die Sammlung, im Original erschienen bei Harper Collins, beinhaltet mehrere (Teil-)Fassungen, teils in Versform. In der deutschen Ausgabe von Klett-Cotta ist somit zum ersten Mal ein Teil der Lays of Beleriand (The History of Middle-earth III) in deutscher Übersetzung erhältlich. Ein Leser, der rein auf die Geschichte aus ist, ist wohl mit der Zusammenfassung im Silmarillion immer noch besser bedient (oder natürlich mit dem epischen Gedicht aus den Lays, sofern er des Englischen mächtig ist). Aber alle die, die die Entstehung und Entwicklung einer Geschichte faszinieren – oder Illustrationen von Alan Lee lieben – machen beim Kauf des Buches nichts falsch. Ich fand zum Beispiel besonders spannend, dass Beren in der ersten Fassung noch ein Elb war. Die Änderung zum Sterblichen macht die Geschichte am Ende viel dramatischer.

Fantastische Miniaturen

Beim Lesefest gab es übrigens noch einen Vortrag zu Tolkiens Leben, mit Fokus auf der Begegnung und der sich entspinnenden Liebesgeschichte mit Edith. Außerdem konnte man Miniaturen bemalen, Mittelerde-Spiele ausprobieren, einen Zeichenworkshop absolvieren, ein Quiz bestreiten – oder sich ganz einfach im L-Space der Phantastischen Bibliothek verlieren. Wenn alles klappt, findet im nächsten Jahr wieder ein Tolkien Lesefest dort statt. Ich freue mich schon!

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Der Meister seltsamer Welten

… ist China Miéville. Wenn man anderen Leuten von seinen Geschichten – und dabei insbesondere deren Settings erzählt – wird man schon mal schief angeschaut. Seine Welten und deren Bewohner sind seltsam (z.B. seine Kaktusmenschen in Bas-Lag), aber er beherrscht es wie kaum ein anderer, diese seltsamen Wesen und Orte glaubwürdig zu machen. In Railsea (meine Ausgabe: Pan, 2013) kreiert er eine Welt, in der das Überqueren von Erde genauso gefährlich ist, wie das durchsegeln eines Ozeans voller Seeungeheuer. Die ungeheuerlichsten Monster auf dem Schienenmeer (Railsea) – das man natürlich mit Zügen überquert – sind Moldywarpes, Riesenmaulwürfe die wie Wale gejagt werden. Die Geschichte folgt dem jungen Maulwurffänger Sham Yes ap Soorap auf seiner ersten Fahrt. Ein kurioser Fund in einem Zugwrack, bringt das Abenteuer so richtig in Gang. Obwohl Railsea ein Jugendbuch ist, schafft Miéville es, darin gewichtigen Themen wie Kritik am heutigen Kapitalismus unterzubringen. Genau diese Relevanz ist es, die ich an guter Fantasy schätze.

The Master of weird worlds

… is China Miéville. If you tell people about his stories – and especially their settings – they are bound to give you an astounded look or two. His worlds and their inhabitants are strange (e.g. his cactus people in Bas-Lag), but he has mastered the art of making them believable. In Railsea (my edition: Pan, 2013), he creates a world where traversing soil is as dangerous as sailing across a seamonster-infested ocean. The fiercest monsters on the Railsea – on which you travel by train, of course – are moldywarpes, giant moles which are hunted like whales. The story follows young moler Sham Yes ap Soorap on his first trip out on the sea. A curious find on a wrecked train starts off the adventure proper. Although a young adult novel, the book still deals with weighty topics such as a critique of today’s capitalism. This is exactly the kind of relevance I value in good fantasy stories.

 

Man muss die Rat Queens einfach lieben

Ihre Abenteuer sind genau wie die, die man mit der langjährigen Rollenspieltruppe erlebt: man versinkt ganz im Charakter, der über die Jahre zur zweiten (oder dritten oder vierten …) Haut geworden ist, brilliert mit total verrückten Ideen („Ich fange den Thermal-Detonator einfach auf!“) und nimmt sich dabei vor allem selbst kein bisschen Ernst (den Charakter natürlich schon).

Mit genau dieser Stimmung lockt Kurtis J. Wiebes Rat Queens Comic-Serie, erschienen bei Image. Die Abenteurertruppe besteht aus einem Elbenmagier, einem Zwergenkrieger, einem menschlichen Kleriker und einem Halbling-Dieb. Soweit das Fantasy-Klischee. Was danach kommt ist aber alles andere als klischeehaft. Alle Charaktere sind weiblich und haben sehr unterschiedliche Körpertypen. Die Elbin Hannah sieht aus wie eine Rockabilly-Braut; Zwergin Violet kämpft nur in allerneuster Rüstung; die dunkle Dee ist eigentlich Atheistin und der kleine Hippie Betty ernährt sich am liebsten von Süßigkeiten und Rauschmitteln.

Im ersten Sammelband, Sass and Sourcery, lernen wir die Stadt Palisade und deren Probleme (Abenteurer!) kennen. Neben den Rat Queens gibt es dort u.a. noch die Peaches (Pfirsiche), die Four Daves (Vier Daves), die Brother Ponies (Gebrüder Pony) und die Obsidian Darkness (Obsidianische Dunkelheit). Nachdem einige die Aufträge, die ganz offiziell von der Stadtverwaltung kommen, nicht überleben, beginnt das eigentliche Abenteuer um die Aufklärung der Todesfälle. Blutig geht es zu, und tief, mit Themen wie Freundschaft und Beziehungen. Vor allem aber fehlt es an einem nicht: am Spaß!

Gotta love the Rat Queens

Their adventures are like those you experience with your long-term roleplaying group: you sink into your character, which has become your second (or third or fourth…) skin over the years, you dazzle the GM with totally crazy ideas („I’ll simply catch the thermal detonator!“) and you do not take yourself seriously at all (but you do that for the character).

This is exactly the mood Kurtis J. Wiebe’s Rat Queens, published by Image, conjures up. The adventure group consists of an elven magician, a dwarven warrior, a human cleric and a halfling thief. That is how far the cliché goes. After that, nothing is cliché anymore. All characters are female, with distinctively different body types. Hannah the Elf looks like a Rockabilly broad, the dwarf Violet is only seen fighting in the latest armour fashion, dark Dee is really an atheist and the small hippy Betty loves sweets and drugs.

In the first collected volume, Sass and Sourcery, we are introduced to the city of Palisade and its problems (adventurers!). Apart from the Rat Queens, there are also the Peaches, the Four Daves, the Brother Ponies and Obsidian Darkness. When some of them do not survive missions set officially by the city, the real adventure of solving the riddle of these deaths begins. The stories are bloody and deep, with themes including friendship and relationships. But first and foremost, they are one thing: fun!

Bilder/Pictures: Image

Revolution!

English (original) version below

ironIn China Miévilles drittem Band aus dem Bas Lag Universum, Iron Council – meine Ausgabe 2011 bei Pan erschienen – ist es endlich soweit: die Revolution ist da! Der eiserne Rat macht sich als großer Hoffnungsgeber der Revoluzzer auf den Weg zurück nach New Crobuzon – nur um sich im letzten Augenblick einer viel größeren Bedrohung (als die der herrschenden Klassen) für die Stadt entgegenzustellen.

Miéville ist einer meiner Lieblingsautoren, weil er es schafft total seltsame und schräge fantastische Charaktere glaubhaft darzustellen, politische und soziale Themen in seinen Romanen anspricht und mir dabei neue (englische) Vokabeln beibringt. So habe ich in diesem Buch zum Beispiel gelernt, was spillikins oder eine arbalest sind.

Revolution!

In China Miéville’s third volume in the Bas Lag universe, Iron Council – my edition published 2011 by Pan – the revolution finally has arrived! The Iron Council is making its way back to New Crobuzon, carrying high hopes for the revolutionaries, just to have to face an even bigger threat (than the ruling class) to the city at the last moment.

Miéville is one of my favourite authors because he manages to create totally strange fantastic characters that are nevertheless believable, tackles political and social issues in his novels and can still teach me new (English) words. In this book I learned about spillikins and arbalests, for example.

Rundgang durch Herbstein

Modell der Stadt inklusive heidnischer Kultstätte

Modell von Herbstein, mit heidnischer Kultstätte (der Hügel rechts) und der vom Großbrand 1907 zerstörten Gebäude (links oben)

Im Oktober war ich mit dem Tolkien Stammtisch im Vogelsberg in Herbstein unterwegs. Eine Stadtführung brachte uns an jede Menge interessante Orte. Da die Stadt an der deutschen Märchenstraße liegt, sprachen wir beim Abendessen über  „Über Märchen“, Tolkiens bekannteste akademische Veröffentlichung zur Fantasy.

München, 1865

…ist das Setting von Ju Honischs Obsidianherz aus dem Feder & Schwert Verlag.

obsidianEs ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mich so gut wie gar nicht an Fantasy rangetraut. Weil nichts so gut sein kann wie Tolkien, dachte ich. Dann haben mich Autoren wie Neil Gaiman, Terry Pratchett, Patrick Rothfuß oder China Miéville eines besseren belehrt. Keiner der Autoren wird jemals Tolkien den Platz in meinem Leben als erster Türöffner in magische Welten und Vermittler von Freundschaften in der Realwelt streitig machen, selbst wenn mir einige der neueren Geschichten eigentlich sogar besser gefallen.

Und dann ist es noch nicht wirklich lange her, da habe ich fast ausschließlich englischsprachige Literatur gelesen. So hatte es Ju Honisch gar nicht leicht, überhaupt erst auf meinen Radar zu kommen – und dann auch noch für gut befunden zu werden. Das Obsidianherz, Fantasy/gothic novel/Steampunk, war so spannend, dass ich die 816 Seiten in nur drei Tagen durch hatte. Vielleicht war die eigentlich taffe Hauptdarstellerin Corrisande am Ende doch ein bisschen zu viel damsel in distress, was aber durch das Setting und die jugendliche Unerfahrenheit völlig legitim begründbar ist. Ich bin also gespannt auf die Salzträume.