Wenn einem der gesunde Frauenverstand die Lektüre verhagelt

Vor Jahren habe ich die ersten beiden Bände von Dmitry Glukhovskys Metro-Reihe mit absoluter Begeisterung gelesen. Die dystopische Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft (2033) hat mich sofort fasziniert. Nach dem großen Atomkrieg ist die Welt radioaktiv verseucht. Nur in den Tiefen der Moskauer Metro ist noch Leben möglich. Das birgt allerdings tausende Gefahren.

Metro 2035 von Dmitry Glukhovsky

Als 2016 nun Metro 2035 auf Deutsch herauskam, kehrte ich in freudiger Erwartung in die Romanwelt zurück. Und die ist immer noch total faszinierend. Ich reise mit dem Finger auf dem Metroplan den Helden hinterher. Dort gibt es jede Menge Kleinstaaten mit den unterschiedlichsten Ideologien: von den Faschisten im Reich bis zu den Kommunisten an der Roten Linie, alles verbunden durch die Händler der Hanse an der Ringlinie.

Aber offensichtlich hat sich meine Leserhaltung verändert. Denn über eine Sache komme ich kaum hinweg: die Präsentation der Frauen in dieser düsteren Zukunft. Dabei wäre es so einfach gewesen. Die Welt ist eine schmutzige, harte. An den meisten Stationen gilt das Gesetz des Stärkeren. Ein Satz hätte genügt, um zu erklären, dass genau aus diesem Grund die Frauen in traditionellere Rollen zurückgedrängt wurden. Der fehlt allerdings, und damit setzt bei mir der Glaube an die Sekundärwelt aus. Man trifft sie nur beim Kochen, beim Schweinehüten, beim Tratschen und beim Pilze züchten. Es gibt keinerlei Erklärung, warum Frauen plötzlich nur noch für das traute Heim zuständig sind. Frauen sind nicht für den Wachdienst an den Stationen zuständig, es gibt keine weibliche Stationsvorsteherin, unter den Brahmanen, den Gelehrten, an den zivilisierten Stationen der Polis gibt es keine Frauen, von den militärischen Organisationen ganz zu schweigen. Selbst an der Roten Linie sind Frauen nicht gleichberechtigt. Im ersten Band tauchen sie außerdem nur am äußersten Rand der Geschichte auf.

Im zweiten Band ist tatsächlich einer der Hauptcharaktere weiblich. Sascha ist alleine mit ihrem Vater an einer ansonsten verlassenen Station aufgewachsen, deshalb ist sie wohl ansatzweise selbständig genug, um auf Abenteuerfahrt durch die Metro aufzubrechen. Natürlich erst, nachdem der Vater der Strahlenkrankheit erliegt und ein neuer imposanter Mann in ihr Leben tritt, um den sie sich nun kümmern möchte. Dem reist sie dann hinterher, um ihn vor sich selbst zu retten. Im neusten Band treffen wir Sascha dann an der Station Zwetnoi bulwar – das große Bordell der Metro – wieder, wo sie ihre ‚Berufung‘ in der Befriedigung der Männer gefunden hat … Starke – oder einfach nur realistische – Frauenrollen sehen wahrlich anders aus.

Hier ein paar (ver)störende Beispiele zum Frauenbild in den Romanen aus dem zweiten Band.

Metro 2034 von Dmitry Glukhovsky

Hintergrund zu Saschas Vater – der ja so ein toller Hecht gewesen sein muss:

Die Frauen hatten ihm stets von selbst ihre Banner zu Füßen gelegt. Von ihrer Nachgiebigkeit korrumpiert, konnte er mit jeder neuen Freundin stets seine Begierde befriedigen […]. (S. 154f)

Nach einer martialischen Beschreibung des Brigadiers Hunter (animalisch, Krieger, Befehl, Vernichtung …):

Und lange bevor Sascha ihre Furcht vor diesem Menschen unter Kontrolle bekam, […] sagte ihr eine innere Stimme – die Stimme der Frau in ihr -, dass auch sie ihm folgen würde. (S. 207)

Entschuldigung, wenn meine innere Frauenstimme mir dazu gar nichts sagen kann, da sie sich gerade übergibt.

Beschreibung von Sascha:

Sie war kein bisschen kokett und sie spielte nicht. So wenig wie sie sich für Feuerwaffen interessierte, so gleichgültig, ja fremd schien ihr auch das übliche weibliche Arsenal ergreifender Blicke und liebreizender Gebärden zu sein. (S. 243)

Ein wiederkehrendes Motiv:

Gerade jetzt hätte sie einen mächtigen Stamm gebraucht, an den sie sich lehnen, die sie umarmen konnte. […] Sascha hatte sich nur an ihn lehnen wollen, doch er hatte geglaubt, dass sie sich an seine Stiefel klammerte. (S. 312f)

Ein großes Highlight sind auch Frauen als kleine, dekorative Reliefbögen:

Dann, in dem marmornen Mittelgang der Dobryninskaja, hatte Sascha eine seltsame Erkenntnis: Die großen, innen ausgekleideten Bögen, durch die man zu den Gleisen gelangte, wechselten sich hier mit kleinen, dekorativen Reliefbögen ab. Immer ein großer, dann ein kleiner Bogen, wieder ein großer und wieder ein kleiner. Wie Mann und Frau, die sich an den Händen hielten, Mann und Frau, Mann und Frau … Und auf einmal spürte sie das Verlangen nach der breiten und starken Hand eines Mannes, in die sie ihre eigene legen konnte. Um sich darin nur ein wenig zu verbergen. (S. 371)

Natürlich ist es völlig legitim, eine solche Frauenrolle zu zeichnen. Allerdings bleibt der Eindruck zurück, dass es in dieser Welt nur Frauen nach diesem Schema F gibt. Wie gesagt, eine kurze Erklärung für diese spezielle Veränderung der Welt hätte Wunder gewirkt – auch wenn die fehlenden Frauen in wichtigen Positionen an den zivilisierten Stationen und an der Roten Linie immer noch nicht wirklich schlüssig gewesen wären. Und gerade in Russland ist die Fallhöhe extrem. Es ist das Land mit dem höchsten Anteil (45%) von Frauen in Führungspositionen auf der Welt. Das Ganze hat mich also tatsächlich so gestört, dass ich die Romane in Zukunft nicht mehr anrühren werde. 2036 hin oder her.

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Die Weidmühle in Eschenrod

P1120359Im April ging es mit dem Tolkien-Stammtisch im Vogelsberg zu einer Führung durch die historische Weidmühle nach Eschenrod. Dort gab es nicht nur Spannendes über das alte Handwerk zu erfahren, Familie Kuss schuf für uns außerdem einen wunderbaren Ort – mit fantastisch leckerem Kuchen und heißem Kaffee an einem kühlen Frühlingstag – für unsere Diskussion zum Thema Tolkien und Anti-/Feminismus.

 

Ein wunderbar geekiges Leben

felicia-day…beschreibt Felicia Day in ihren Memoiren You’re never weird on the internet (almost). Musik- und Mathe-Genie, Schauspielerin, Spieler, Drehbuchautorin, Filmemacherin, wunderbarer Geek. Hausunterricht, Depression, Gamer Gate, online Mobbing, Feminismus … Kurz gesagt: die geekige Reise einer wunderbaren Frau. Kommt mit den höchsten Empfehlungen!

A wonderful geeky life

…is what Felicia Day writes about in her memoirs You’re never weird on the internet (almost). Home-schooled, music and maths genius, actor, gamer, screenwriter, filmmaker, wonderful geek. Depression, Gamer Gate, online bullying, feminism … In short: a wonderful woman’s geeky journey. Highly recommended!