Gelegenheitslektüre

Ich habe schon vor einiger Zeit mit Umberto Ecos Die Geschichte der legendären Länder und Städte angefangen – und bin immer noch nicht durch. Obwohl es ein Taschenbuch ist, ist die Ausgabe (dtv, 2015) sehr schwer, so dass es sich nicht gut als Reise- oder Pendlerlektüre eignet. Aber das ist gar nicht schlimm, denn die episodenhafte Kapitelstruktur macht das Buch zu einer idealen Gelegenheitslektüre.

Eco nimmt uns mit an mythische Orte, angefangen mit der Erde als Scheibe und den Antipoden. Dabei gibt er erst mal einen Überblick, wo und wann die Orte zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden, und welche Geschichten sich im Laufe der Jahrhunderte – teils bis in die heutige Zeit – um die jeweiligen Orte entsponnen haben. Danach gibt es passende Auszüge aus den Quellentexten, und alles ist groß und bunt bebildert. Dabei haben mich einige der älteren Quellentexte mit ihrer guten Lesbarkeit (jedenfalls in der deutschen Übersetzung) überrascht. Auch häppchenweise konsumiert ist das Buch eine wunderbare Einladung, in die ein oder andere Geschichte tiefer einzusteigen.

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Die Alternative in der Alternative

Philip K. Dicks The Man in the High Castle (übersetzt als: Das Orakel vom Berge, meine Ausgabe: Penguin, 2001) hat alles was ein alternativer historischer Roman braucht – inklusive eines beliebten alternativen historischen Romans. In der Alternativwelt haben die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen und die USA in einen von Deutschland im Osten und einen von den japanischen Alliierten besetzten Teil in Westen, mit den Rocky Mountains als Pufferzone in der Mitte, aufgeteilt. Im Alternativroman The Grasshopper Lies Heavy (Schwer liegt die Heuschrecke) haben die Nazis den Krieg verloren. Die Alternativversion der Alternativversion hat nichts mit unserer Geschichte zu tun, aber zeigt uns, wie nur kleine Veränderungen die Geschehnisse beeinflussen hätten können. Dabei Dick zeichnet ein faszinierendes Bild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in der Alternativwelt. Ich habe die Serie (noch) nicht gesehen, aber das Buch kann ich allen Fans von alternativen Geschichtsszenarien und Dystopien wärmstens empfehlen.

Alternative inside the alternative

Philip K. Dick’s The Man in the High Castle (my edition: Penguin, 2001) has everything an alternative history novel needs – including a widely popular alternative history novel. In the alternative world, the Nazis won World War II and divided the US into an eastern part occupied by the Germans and a western one occupied by their Japanese allies, with the Rocky Mountains serving as a buffer zone. In the alternative novel The Grasshopper Lies Heavy, the Nazis have lost the war. The alternative version inside the alternative version is not our history, but it shows what other possible outcomes the war could have had. Meanwhile, Dick paints a fascinating picture of the world across the social stratum. I have not (yet) watched the series, but the book comes highly recommended to all fans of alternative historic novels and dystopias.

Der Blick von Außen

cover-jpg-rendition-460-707Neil MacGregor, der ehemalige Direktor des Britischen Museums, vermittelt Geschichte gerne über Objekte (s. Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten). Diesem Prinzip bleibt er auch in Germany: Memories of a Nation (Penguin, 2016) treu, welches ebenso wie das erste, über den Umweg als Podcast, eine Ausstellung des Britischen Museums begleitet hat. Anhand einiger Ausstellungsstücke, spezifischen Ereignissen, Gebäuden und Personen erzählt MacGregor hier die Geschichte des Landes, der Entwicklung vom der Kleinstaaterei hin zum heutigen Deutschland.

Dabei haben mich die vielen positiven Kommentare überrascht, vor allem über unseren Umgang mit der NS- und Kriegs-Vergangenheit. Gleich am Anfang sagt MacGregor, dass Monumente in Deutschland ganz anders sind, als in anderen Ländern. Als Beispiel nennt er das Siegestor in München. Auf der einen Seite scheint es ein ganz normaler Triumphbogen zu sein, so wie der Wellington Memorial Arch in London oder der Arc de Triomphe in Paris. Wo auf der einen Seite klassische Reliefs zu finden sind und die Inschrift „Dem Bayrischen Heere“, dessen Leistungen hier ursprünglich geehrt werden sollten, ist die andere Seite blank. Der Bogen wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Statt ihn wieder in den Originalzustand zu versetzen – und dabei weiter den Krieg zu verherrlichen – entschieden sich die Münchener für eine andere Aussage mit der Inschrift: „Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend“.

Mir ist selbst aufgefallen, dass ich z.B. die Erinnerungsfeiern der Briten zum Ersten Weltkrieg vor kurzem eher befremdlich fand. Denn trotz getragener Stimmung und Trauer, waren es immer noch Feiern. Mit Pathos, großem Tamtam und Helden und so. Ich habe gelernt, dass jeder Krieg furchtbar ist, dass es dabei nichts, aber auch gar nichts zu feiern gibt. Und als Konfliktlösungsmethode ist er sowieso völlig ungeeignet. Eine Bekannte aus Polen sagte vor kurzem, dass sie die Deutschen dafür schätzt, dass sie sich wirklich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben. So ähnlich drückt das MacGregor in seinem Buch auch aus. Ich fürchte nur, dass die Zeit des Vergessens und Verdrängens der dunkleren Erinnerungen langsam eingesetzt hat. Die Ausstellung im Britischen Museum fand vor dem Aufstieg von AfD, Pegida & Co. statt, und so klingen auch die letzten Worte im Buch mit dem Blick in die Zukunft vielleicht ein bisschen zu optimistisch.

The view from outside

Neil MacGregor, the former director of the British Museum, likes to mediate history through objects (cf. A History of the World in 100 Objects). He remains true to this principle in Germany: Memories of a Nation (Penguin, 2016), which accompanied, just as the first one, via a detour as a podcast, an exhibition at the British Museum. With the help of some exhibits, specific events, buildings or persons, he puts spotlights on the country’s history, its development from a conglomerate of small states to today’s Germany.

The many positive commentaries came as a surprise to me, especially about how we are handling our Nazi and general war legacy. Right at the beginning, MacGregor states that monuments are quite special in Germany compared to other countries. As an example he names the Siegestor arch in Munich. From one side, it looks like any other triumphal arc commemorating some sort of feat of war, such as the Wellington Memorial Arch in London or the Arc de Triomphe in Paris. The side shows reliefs in the classical style and the inscription “Dem Bayrischen Heere” (“To the Bavarian Army”) as you would expect, the other side is blank, however. It was damaged during the Second World War. Instead of restoring it to its former state – and thus continuing to glorify war – the people of Munich decided to convey a different message with the inscription: „Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend” (“Dedicated to victory, destroyed by war, urging peace.”).

I myself found the festivities to remember the First World War in the UK recently quite strange, for example. Despite a solemn mood and a show of mourning, they remained festivities. With pathos, tam-tam, heroes and such. I learned that any war is abominable, that there is nothing whatsoever to celebrate. And that is does not serve as a way to solve problems at all. An acquaintance from Poland recently noted that she values the Germans for their sincere examination of their own past, and MacGregor puts it similarly in his book. I am afraid, however, that the time of forgetting and suppressing some of the darker memories has set in. The exhibition at the British Museum took place before the rise of nationalist movements such as AfD, Pegida & Co., and so the final words of the book, looking into the future, sound maybe a bit too optimistic.

Russland durch die Zeiten

English (original) version below

RusskaAm Anfang dachte ich, durch den Schinken komme ich nicht durch. Edward Rutherfords Russka (meine Ausgabe von Arrow, 1992) fing irgendwie sperrig an. Die Sammlung von Novellen und Romanen verfolgt grob eine Familie durch die Zeiten in Russland. Hauptschauplätze sind zwei Dörfer, die beide Russka heißen, das eine bei Kiew in der jetzigen Ukraine, das zweite weiter im Norden, in der Nähe von Moskau.

Seinen Anfang nimmt die große Reise im Jahr 180 als Finno-Ugrische Volksstämme auf Slawen treffen. Danach machen Reitervölker aus dem Osten das Land zunehmend unsicher. Großes Thema der späteren Episoden ist die rückschrittliche Gesellschaft im Vergleich zum Westen. Dabei ist ausgerechnet die Anfangsgeschichte ist die holprigste, da hier am meisten nebenbei erklärt wird. Irgendwie werden dabei die Charaktere zum Durchschnittsrepräsentanten ihres Volkes degradiert. Die Geschichte weicht der Geschichte. Ich habe das Gefühl, das bessert sich in den späteren Episoden. Entweder weil tatsächlich nicht mehr so viel erklärt wird, oder weil ich mich einfach dran gewöhnt habe.

Man bekommt auf jeden Fall gut recherchierte Einblicke in die jeweilige Zeit, die sicher einige Dinge klarer machen – z.B. warum Russland ausgerechnet so ein großes Interesse an der Ukraine hat – wenn auch durch eine ziemlich westliche Brille.

Russia through the ages

At the beginning I thought I’d never be able to finish this tome. Edward Rutherford’s Russka (my edition by Arrow, 1992) was unwieldy, and not only in size. The collection of novellas and novels roughly follows a family through the ages in Russia. Main setting are two villages called Russka, one near Kiev in what is now the Ukraine, the other further North, near Moscow.

The journey starts AD 180 as Finno-Ugrian tribes meet Slavic ones, then the focus is on the incursion of horse peoples from the East into the region. Main topic of the later episodes is the reactionary society compared to the West. Of all things, the initial story is the clumsiest as it explains a lot of things ‘by the way’ – which somehow leaves the characters as mere average representatives of their tribes. The story gives way to history. However, I have the feeling that this improves in the later episodes, either because the descriptions are actually moving into the background, or because I simply got used to them.

In any case, you get a well-researched glimpse of the respective era. Some things may become clearer – such as for example why Russia is so interested in the Ukraine – even though it comes from a very western perspective.