Das Aufwärmen von/an alten Störungen

Jetzt wo die Tage kürzer werden und wir offiziell auf Winterzeit umgestiegen sind, gibt es für alle Sommerfreunde unter meinen Lesern eine kleine (herz)erwärmende Pendler-Geschichte. Stellt Euch vor, es ist heiß da draußen, so wie am 17. Juni 2013.

gustave_dore-_dante_et_vergil_dans_le_neuvieme_cercle_de_lenfer

Dante und Vergil im neunten Höllenkreis (Bild von Gustave Doré, 1861)

Der RE nach Fulda fährt an diesem Abend auf Gleis 12 statt auf 6 ein. Der Einstieg fühlt sich an, wie der Abstieg in Dantes Inferno. Ein kleiner Spaziergang durch die anliegenden Waggons bestätigt den ersten Eindruck: dieser Zug besitzt keine funktionierende Klimaanlage – und natürlich auch keine Fenster zum Öffnen. Dafür ist alle sehr sauber und die Polster sind noch ganz fluffig. Es riecht auch wie in einem neuen Auto. Aber das scheint die Klimaanlage nicht zu interessieren.

„Aufgrund einer technischen Störung verzögert sich unsere Abfahrt um etwa zehn Minuten,“ sagt der Schaffner nach zehn Minuten Verspätung. Unbestimmte Zeit später wird das zu einer „schwerwiegenden Störung am Zug; unbestimmte Zeit Verspätung …“ Heute hat wohl keiner Lust auf einen Notfalleinsatz. Danke dafür!

Wir marschieren zum nächsten Zug in die Richtung, rüber zu Gleis 4. Der fährt mit funktionierende Klimaanlage und ohne Verspätung – bis Gelnhausen. Dann eine leicht panische Stimme aus dem Lautsprecher. „Dies ist der RE nach Fulda. Ich wiederhole, sie befinden sich im RE nach Fulda!“ Wir bleiben noch ein bisschen stehen, bis wir alle verstanden haben, in welchem Zug wir sitzen – und kommen irgendwann glücklich und zufrieden zu Hause an. Und wenn sie nicht an Hitzschlag gestorben sind, dann fahren sie noch heute …

Weichenstörung Wolfgang II

1024px-Grafik_weiche

So sollte die ungestörte Weiche aussehen

„Immer noch oder schon wieder?“ – frage ich mich am Tag nach meiner bisher härtesten Sommerbahnfahrt. Bevor ich mich auf den freitäglichen Heimweg mache, zeigt mir ein schneller Blick ins Internet eine Weichenstörung in Hanau Wolfgang. Dementsprechend ist mit Verspätungen des RE 50 und eventuellen Ausfällen zu rechnen. Ich bin gegen 17:30 Uhr am Hauptbahnhof. Der 17:26er ist noch nicht eingefahren, trifft aber bald auf Gleis 9 statt auf 6 ein. Dort eingestiegen bleibt erst mal jede weitere Information aus. So lange uns diesmal nicht wieder jemand von der Klimaanlage abklemmt, ist mir alles egal. Dafür gibt es von draußen alle fünf Minuten Informationen zu diversen ICEs nach München. Der erste hat 40 Minuten Verspätung wegen einer technischen Störung am Zug, der zweite hat 30 Minuten wegen verzögerter Bereitstellung. Wir fahren plötzlich ohne jede Vorwarnung los. Dann meldet sich der Schaffner: „Bitte beachten sie: Der Zug hat bei der Abfahrt 40 Minuten Verspätung.“ Alles klar, ist beachtet. Danke für die Information.

Bild: Schematische Darstellung einer Weiche von Sansculotte (CC BY-SA 2.5)

Lebenswichtiges Utensil bei der Sommerbahnfahrt

Der Sommer ist endlich da – bekanntlich ja einer der vier Todfeinde der Bahn. Nehmen wir den gestrigen Tag als Beispiel, eine Begebenheit auf der Kinzigtalbahn.

Ich bin extra früher ins Büro, damit ich früher gehen kann. Bei dem Wetter brauche ich eine Abkühlung. Der Plan ist heute Abend ins Freibad zu gehen. Der RE 50 um 16:26 Uhr steht pünktlich am Gleis. Ich sitze im gut klimatisierten Abteil – aber der Zug fährt nicht los. Eine Minute bevor der 16:50er Richtung Fulda fährt, kommt die erste Durchsage: „Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Abfahrt dieses Zuges um ca. 40 Minuten. Geplante Abfahrt ist um 17:08 Uhr.“ Ein bisschen knapp, aber alle die wollen, schaffen es noch in den 17:50er, der natürlich wegen der Umsteiger ein paar Minuten später losfährt. Alles noch im grünen Bereich, ich habe vollstes Verständnis. In Hanau Steinheim bleibt der Zug dann stehen. „Wegen einer Stellwerkstörung in Hanau Wolfgang, verzögert sich die Weiterfahrt.“ Ja, ok, auch dafür habe ich Verständnis.

Kein Verständnis habe ich allerdings dafür, dass die Klimaanlage ausgestellt wird. Ich bin mir relativ sicher, dass es keinen Defekt gab, denn bei der Weiterfahrt geht sie wieder an – wird der Situation im völlig überhitzten Zug aber nicht mehr Herr.

Lieber RMV/liebe Deutsche Bahn,

Sie sind gestern ganz knapp einer selbstverschuldeten Sachbeschädigung im RE 50 entgangen. Nach etwa einer halben Stunde im ungekühlten Zug, war die Hitze kaum noch erträglich. Passagiere versuchten wiederholt, die nicht ohne Schlüssel zu öffnenden Fenster zu knacken. Es wurde schon laut darüber nachgedacht, die Scheiben einzuschlagen. Kurz vor dem Kreislaufkollaps, nützt es nichts nochmal die Information zu bekommen, dass in Hanau ein Weichenschaden ist. Der Passagier möchte wissen, wann mit frischem Luftzufuhr zu rechnen ist. Es muss doch möglich sein, eine Klimaanlage in einem stehenden Zug laufen zu lassen – oder wenn das tatsächlich nicht geht, sollte jemand vom Personal mit dem Schlüssel vorbeikommen und die Fenster öffnen können. Für alles andere habe ich kein Verständnis.

Ein fast geschmolzener Passagier

Das ‚fast‘ habe ich übrigens diesem (über-)lebenswichtigen Utensil bei der Sommerbahnfahrt zu verdanken:

fächer

Wenn die Luft im gestrandeten Wal knapp wird

flashDie Gewitterwolken werden immer dunkler, changieren von dunkelgrau, über dunkellila hin zu einem dichten schwarz. Ein Blitz nach dem anderen zuckt vom Himmel. Plötzlich sind alle Lichter aus, die Klimaanlage stellt ihren Dienst ein, der Zug gibt keinen Mucks mehr von sich. Wir sind mit unserem RE 50-Wal zwischen Offenbach und Hanau gestrandet.

Die Lautsprecher funktionieren noch. „Wegen eines Blitzeinschlags verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Für diese Entschuldigung habe ich vollstes Verständnis. Wir bekommen kurz darauf sogar weitere Details geliefert: „Wegen einem Blitzeinschlag im Bahnhof Hanau verzögert sich die Weiterfahrt – auf unbestimmte Zeit halt.“ Ja, so halt.

Einerseits fühle ich mich in unserem Metall-Leviathan ganz gut aufgehoben im Moment, denn so eine hohe Blitzfrequenz habe ich noch nie vorher gesehen. Leider gibt es im toten Monstrum aber keine Frischluftzufuhr mehr. Die Luft wird schwül-warm und zusehends dünner. Der Zug wird vom Wind durchgerüttelt. Die apokalyptischen Regenfälle und der Hagel machen das Durchatmen nicht leichter.

Eine S-Bahn zieht als erster Hoffnungsschimmer aus Richtung Hanau an uns vorbei. Kurz darauf gibt es wieder Strom und frische Luft. „Wir fahren jetzt erst mal bis zum nächsten Signal. Dahinter ist noch alles ohne Strom wegen Kurzschluss. Mehr weiß ich auch nicht.“ Ein sehr auskunftsfreudiger Zugführer heute. Wir kommen irgendwann in Hanau an. Weitere Durchsagen informieren uns, dass die Oberleitung auf der Strecke irgendwo runtergekommen ist. Nach und nach weitere Berichte von Blitzeinschlägen im Stellwerk Hanau und in Haitz Höchst. Der Tunnel in Schlüchtern ist geschlossen. Diverse Sturmschäden, gefallene Bäume, Hagelschäden. Eine Heimfahrt, die man nicht so schnell vergisst.

Ich schaffe es dank Abholung mit PKW gegen 22 Uhr an dem Tag, dem 24. August 2011, nach Hause zu kommen.

 

 

Unterbrochene Kühlkette

Beim Transport von Lebensmitteln wird penibel genau darauf geachtet, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Auch Tiertransporte haben immer Luftzufuhr. Bei der Beförderung von Menschen wird auf sowas leider nicht immer geachtet. Regelmäßig fahre ich in fensterlosen Waggons, in denen die Klimaanlage ausgefallen ist. Im Sommer 2011 ging es dabei bis weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus.

Der RE 50 fuhr am Hauptbahnhof Frankfurt ein, die Lok vorne wurde abgekoppelt. Damals wurde dann immer eine Lok auf der anderen Seite, samt fünf bis sechs weiterer Waggons angehängt. Normalerweise innerhalb von fünf bis zehn Minuten nach der Ankunft. An diesem schönen Sommertag, bei 35°C im Schatten, hat es aber ‚etwas‘ länger gedauert, fast eine halbe Stunde. Die Temperatur in den ungekühlten Waggons stieg schnell auf über 50°C an – eigentlich hätte da keiner einsteigen dürfen. Eine Ansage, wie lange die Verzögerung noch dauert, hätte sicher die meisten Leute erst mal wieder auf den vergleichsweise kühlen Bahnsteig getrieben. So aber warteten wir im Brutofen, in der Hoffnung, dass es jeden Augenblick losgeht.

ambulanceAls wir endlich losfuhren, wurde die Klimaanlage der Sache natürlich nicht mehr Herr. Zwischen Langenselbold und Gelnhausen dann die furchtbarste aller Durchsagen: „Wenn sich ein Arzt an Bord befindet, bitte in den letzten Wagen kommen.“ Darauf, ganz klar, Notfalleinsatz am Bahnhof Gelnhausen. Dort kam der erste kühle Luftzug bei mir an – kurz bevor wir all in die RB umgestiegen sind. Die hatte keine Klimaanlage, aber so eine ganz fantastische Erfindung, die sich Fenster nennt.