ÖPNV Tutorial V: Stop spreading, man!

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Abb. 1: Der Manspread

Man wundert sich ja wofür es alles Worte gibt. Im Englischen jedenfalls gibt es schon eins für eine Unsitte im ÖPNV, die hauptsächlich von männlichen Mitbürgern gepflegt wird. Das sogenannte Manspreading bezeichnet das Sitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit auseinanderstehenden Beinen.

Und ja, das Manspreading gehört auch zu meinen Erfahrungen in der freien WildBahn. [Ja, ich weiß, das machen wohl manchmal auch Frauen, mir persönlich ist allerdings noch keine untergekommen. Über Handtaschen und Rucksäcke mit Platzanspruch berichte ich auch noch, keine Angst, liebe Maskulinisten, Chauvinisten oder sonstige männliche Geschöpfe, die sich gerade ans Bein gepinkelt – oder eher getreten, s.u. – fühlen.]

Wie schafft man Abhilfe?

Wenn der Mann neben mir nicht gerade wie ein Axtmörder oder Crystal Meth Junkie ausschaut (und das tun tatsächlich die wenigsten Manspreader!), versuche ich mir mit einem plötzlichen Außenruck der Knie – alles auf meiner Seite des Sitzes versteht sich – wieder Platz zu verschaffen. Meist wird das verstanden. Wenn nicht schlage ich die Knie über Kreuz, so dass der obere Fuß (im Idealfall im dreckigen Schuh steckend) öfter an das Bein des Nachbarn anschlägt, völlig zufällig natürlich. Bisher gab es noch keine Beschwerden …

Hey, Mann, wir wissen, dass du einen Großen hast, ist schon gut. Musst du nicht so raushängen lassen. Verringert nur deine Chancen bei der anwesenden Damenwelt. Echt jetzt.

Bild: Manspreading in der Stockholmer Metro von Peter Isotalo (CC BY-SA 4.0)

Charme in der Straßenbahn

Freitagabend, Feierabend. Ich steige in die Straßenbahn – und bleibe direkt hinter der Tür stehen. Ein Kardinalfehler im ÖPNV, wenn man nicht der letzte Ein- und der erste Aussteiger ist. So ist es geplant. Ich fahre nur eine Station.

Die Straßenbahn hält und von hinten drückt jemand hektisch auf den noch nicht grün gewordenen Türschalter, und mir in den Rücken. Der Mann hinter mir brummt schon leise mürrisch vor sich hin. Dann hat er mich fluchend zur Seite geschoben, bevor ich aussteigen kann, da ich weiter am Rande stehe und die Tür noch nicht ganz auf ist.

„Ich wünsche ihnen auch ein wunderschönes Wochenende“, flöte ich ihm hinterher. Er dreht sich um, um meinem vermeintlichen Geschimpf mit Gegengeschimpf zu begegnen. Als er mich hinter sich charmant lächeln sieht, kommen meine Worte so langsam in seinem Hirn an. Völlig verwirrt macht sich der Mann wieder auf die Reise in den Feierabend. Gern geschehen.

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Frankfurter Straßenbahn um 1900 – damals, als die Menschen noch höflich waren

ÖPNV-Tutorial IV: Rolltreppenfahren

Nach dem richtigen Einstieg, dem Verstauen von Gepäck und der Müllentsorgung, widmen wir uns in der neusten Folge des Tutorials für schöneres Fahren mit dem öffentlichen Personennahverkehr einem Thema, das nicht nur Reisende, sondern alle Personen im öffentlichen Raum angeht: das Rolltreppenfahren.

Scherl: 22.12.1925 Bei Herrman Tietz in der Leipziger Strasse. Berlins erste Rolltreppe in Betrieb genommen.

Was 1925 noch brandneu war, sollte heute eigentlich jedem geläufig sein. Da aber kein Personal mehr bei jeder Rolltreppe abgestellt ist, hier noch mal eine kleine Erinnerung: Wer es nicht besonders eilig, oder schweres Gepäck dabei hat, der stellt sich auf die rechte Seite der Rolltreppe und lässt Platz links neben sich, um die Leute vorbeizulassen, die sich beeilen müssen, um den nächsten Zug zu erreichen. Sollte der Platz links nicht frei sein, spricht der Eilige den oder die Blockierenden einfach kurz freundlich an. Ein einfaches „Darf ich mal durch?“ reicht meistens vollkommen aus. Schubsen und Pöbeln sollte ein zivilisierter Mensch eigentlich bereits nach dem Kindergarten abgelegt haben.

Das wichtigste zum Schluss: Bleiben sie am Ende der Rolltreppe nicht direkt stehen, um sich zu orientieren. Es gibt eine Welt hinter ihnen – und die kommt gerade mit Macht auf sie zugerollt.

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-2004-0807-500 (CC BY-SA 3.0 DE)

ÖPNV-Tutorial III: Was tun mit meinem Müll?

Willkommen zu unserem dritten Tutorial zur idealen Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs, welches garantiert zur besseren Laune ihrer Mitfahrer beitragen wird. Nachdem wir bereits das Einsteigen und Gepäckverstauen gelernt haben, dreht sich diesmal alles um das Thema Müll.

Immer mehr junge Menschen wissen nicht mehr, wie man mit mitgebrachtem Verpackungsmaterial im öffentlichen Nahverkehr umgeht. Einige ältere haben es, wahrscheinlich wegen einsetzender Altersdemenz auch vergessen, deshalb hier eine kleine Auffrischung.

Ein Augenzeugenbericht:

Ein junger Mann, sympathisch aussehend, eventuell Jungstudent sitzt mir gegenüber. Er isst ein Brötchen, legt dann die leere Tüte auf die kleine Ablage vor dem Fenster über dem Mülleimer. Dort liegt bereits ein zerdrückter Plastikbecher und eine Hamburger-Verpackung. Danach nimmt er das letzte Kaugummi aus der Packung und legt die leere Schachtel ebenfalls ab.

Als er aufsteht um auszusteigen sage ich: „Entschuldigung, sie haben da was vergessen.“ Deute auf den Müll.

„Sorry, der Mülleimer war voll.“

Junge, ich saß dir die ganze Zeit gegenüber, du hast nicht mal versucht den zu öffnen, denke ich. Laut sage ich: „Draußen gibt es auch Mülleimer.“

Er: „Das ist aber gar nicht alles mein Müll.“

Ich: „Mir reicht es schon, wenn sie für ihren eigenen Müll die Verantwortung übernehmen.“

Schulterzucken. Er entschwand und ich blieb beim Müllhaufen zurück. Was für ein seltsamer Typ. Ich konnte schon als Kleinkind Mülleimer bedienen.

So machen sie es richtig:

Schmeißen sie das Zeug verdammt nochmal in den Mülleimer unterhalb des Fensters oder, falls der voll oder zu klein oder nicht vorhanden ist, in den im Eingangsbereich. Falls sich das alles als impraktikabel herausstellt, packen sie den Müll wieder ein und nehmen ihn mit zur nächsten Mülltonne irgendwo da draußen in der weiten Welt. Alles andere ist asozial. DANKE!

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Falsch

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Fast richtig. Trotzdem keine Bonuspunkte für gute Absichten; das nächste Mal ab damit in die heimische Tonne.

Zeit für ein Geständnis

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Mein Homeoffice befindet sich übrigens gerade ausnahmsweise im Westerwald

Nicht, dass ihr denkt ich gaukle euch falsche Tatsachen vor. Ich bin seit einiger Zeit nur noch Gelegenheitspendler – oder Homeoffice-Geschädigter, wie man’s nimmt. Durchschnittlich fahre ich im Moment nur noch einmal die Woche nach Frankfurt und arbeite sonst von zu Hause aus. Das hat natürlich den Nachteil, dass ich die ganz brandheißen News von der Kinzigtalbahn nur noch selten mitkriege und die Sammlung von Material für neue Geschichten langsamer vonstattengeht. Außerdem lese ich nicht mehr so viel.

Das Ganze hat aber auch einen gewaltigen Vorteil: Ich habe endlich Zeit diesen Blog zu schreiben! Vorher konnte ich zwar schön das Material dazu sammeln, aber von der Veröffentlichung konnte ich nur träumen. So nutze ich also nun die eingesparte Zeit um Vergangenes aufzuarbeiten. Und wenn ich mir die angelegte Liste der noch zu schreibenden Dinge in der Pendeln-Kategorie so anschaue, gibt es noch eine ganze Weile was zu lesen, bevor ich mich wieder öfter in den ÖPNV stürzen muss.

 

ÖPNV-Tutorial II: Gepäckmagie

Willkommen zu unserem zweiten Tutorial zur humanen Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs, welches garantiert zur besseren Laune ihrer Mitfahrer beitragen wird. Nachdem wir bereits das Einsteigen gelernt haben, dreht sich diesmal alles um das Thema Gepäck.

Ausgangsituation: Ein Gelegenheitsreisender hat sein Gepäck auf dem Sitz gegenüber abgestellt. Der Nahverkehrszug wird zunehmens voller.

Das Gespräch:

Pendler: „Ist da noch frei?“

Reisender: „Wenn Sie mir einen Platz für das Gepäck finden. Ich habe keinen gesehen.“

Pendler: „Aber das ist doch gar kein Problem.“

Die Lösung:

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Ein magischer Ort

Wenden Sie sich ruhig an den Pendler, der kennt sich hier aus. Je nach Zugtyp sind Verstecke für das Gepäck einfacher oder schwerer zu finden. In vielen doppelstöckigen RB/REs neuerer Bauart gibt es tatsächlich Gepäckablagegitter, mitten zwischen den Reihen oder direkt am Anfang. Da reicht das Hinschauen über den eigenen Sitzrand hinweg. In älteren Modellen findet man Platz für kleine Koffer unter dem Sitz, für etwas größere in einer Lücke zwischen den Sitzen, deren Rückenlehnen aneinander angrenzen, und für ganz großes Gepäck unten, direkt bei der Treppe.

Und nun zur Magie:

Pendler: „Also, hier ist noch Platz auf dem Boden.“

Reisender: „Nein, das ist mir zu unsicher, da rollt der Koffer doch weg, wenn der Zug bremst oder beschleunigt.“

Pendler: „Dann stellen wir den Koffer doch einfach auf seine Füße.“

Reisender: „Wie bitte?“

Pendler: „Na, wenn Sie den Koffer auf die Seite drehen, ihn auf seine Füße stellen, dann rollt er nicht weg.“

Reisender: „Da habe ich ja noch nie drüber nachgedacht. Das ist ja fantastisch!“

Ja, Pendler kennen sich auch mit der arkanen Wissenschaft der Gepäckmagie aus.

Das Thema Handtaschen behandeln wir in einem der nächsten ÖPNV-Tutorials.

Gute Fahrt!

ÖPNV-Tutorial I: Einsteigen lernen

Sie steigen in die Straßen-, S-, U-Bahn oder den Bus ein und bleiben direkt hinter der Tür stehen? Herzlichen Glückwunsch, sie haben sich gerade für unser erstes ÖPNV-Tutorial: Einsteigen lernen qualifiziert.

Dieses Verhalten geht in Ordnung, wenn sie der letzte auf dem Bahn-/Bussteig sind und an der nächsten Haltestelle gleich wieder aussteigen wollen. Oder wenn das Verkehrsmittel so gut wie leer ist. Im Berufsverkehr nerven sie damit nur ihre Mitpendler und sorgen sogar manchmal für Verspätungen.

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U4 vor dem Pendleransturm

„Bitte machen sie den Türbereich frei“, höre ich regelmäßig die Durchsage in der U4, bei der die Türen nicht zugehen, weil jemand in der Lichtschranke steht. Da stapeln sich die Leute direkt hinter der Tür, während der Gang und sogar einige Sitzplätze frei bleiben. Tatsächlich erlebte Konversation: „Würden sie bitte durchrücken?“ – „Aber ich will ja die nächste Station gleich wieder aussteigen.“ – „ Die Menschen direkt hinter ihnen würden aber gerne in dieser Station noch einsteigen. Und das wäre kein Problem, wenn sie durchrücken würden.“

Die Angst des Nichtrückers ist nicht ganz unbegründet. Es gibt auch manchmal Probleme beim Aussteigen. Da stehen noch mehr Nichtrücker, die erst die übernächste rauswollen, machen einen halbmotivierten Schritt zur Seite, um Leute durchzulassen, aber das Nadelöhr an der Tür bleibt zu schmal zum Ausstieg, weil da irgendwo noch ein Koffer/Kinderwagen/Mensch quersteht. „Würden sie kurz auf den Bahnsteig hinaustreten, damit wir aussteigen können?“ Da schauen die Leute total verdattert. Meist gefolgt von „Äh, ja, natürlich!“ Schon seltsam, das immer mehr da nicht mehr selbst draufkommen. Ich spreche mit diesen Leuten, andere schubsen sie einfach zur Seite. Auch total unmöglich. Für mich noch so ein Fall von fehlender Empathie, mit den einen, die meinen es sei besser zu Schubsen als zu Reden und den anderen, die verlernt haben, die Welt um sich herum wahrzunehmen.

Also, beim nächsten Mal kurz prüfen, ob man selbst ein Verkehrshindernis ist, und wenn man einem begegnet, dann doch bitte mit Anstand und Respekt. Vielleicht träumt der Nichtrücker heute ausnahmsweise von einer besseren Welt.

Im zweiten ÖPNV-Tutorial lernen wir dann das Rolltreppenfahren.

Bild: U-Bahnhof Bornheim Mitte von Jivee Blau (CC BY-SA 3.0)

Ärzte raten: Auf den Zug umsteigen

Öpnv

Ärzte raten dazu, wo es geht, auf die Anfahrt mit dem eigenen Pkw zu verzichten. Pendler mit Auto neigen demnach häufiger zu Übergewicht und seien vor allem auf dem Heimweg nach einem anstrengenden Arbeitstag gefährdet, wenn erste Ermüdungserscheinungen eintreten.

Ich rate das auch. Nicht nur wegen der Gesundheit. Ist auch besser für die Umwelt, reduziert den Stress und man kann etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen. Lesen, zum Beispiel. Zur Not auch Arbeiten, oder Schlafen. Interessante Mitmenschen beobachten. Am Ende kommt dabei gar ein Blog heraus …

Den ganzen Artikel, aus dem das Zitat stammt, gibt es >hier. Ich frage mich, wo die Buchleser in der Statistik abgeblieben sind. Die gibt es noch. Wirklich. Am Ende allerdings die Fahrgemeinschafts-Empfehlung als ultimative Lösung anzupreisen, ist völliger Schwachsinn. Besser als Alleinfahren, natürlich, aber den ÖPNV schlägt die Fahrgemeinschaft in keiner der vorgebrachten Kategorien. Ob man nun im Auto oder im Zug sitzt ist völlig egal. In letzterem hat man aber tatsächlich die Option aufzustehen und rumzulaufen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass der Pendler durchschnittlich weitere Wege zur Haltestelle zu Fuß zurücklegt als vom Parkplatz. Das Problem der Übermüdung des Fahrers bleibt auch bei Fahrgemeinschaften bestehen. Und der vollbesetzte Zug/Bus ist immer noch effizienter als ein vollbesetzter PKW. Nachdenken vor dem Schreiben hilft manchmal.

Ich liege bei der Pendelzeit übrigens um mehr als das doppelte über dem Durchschnitt. Leider verbringe ich dabei nicht die ganze Zeit im Zug, sondern muss erst noch mit dem Auto an den Bahnhof fahren. Auch dazu gibt es demnächst ein paar Geschichten.