Alles was die freie WildBahn so zu bieten hat

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Gleis 6 heute schwer beliebt

Letzte Woche am Frankfurter Hauptbahnhof: Der ICE nach Wiesbaden hat 25 Minuten Verspätung, der nach Stuttgart 15 Minuten. Vom RE nach Fulda weiß man – wie immer – nichts Genaues. Nur dass nach der Rechnung der Bahn alle drei gleichzeitig auf Gleis 6 ankommen werden. Der Wiesbadener macht das Rennen. Und steht und steht und steht. Stuttgart fährt auf Gleis 7 ein, direkt gegenüber, steht nur ein bisschen und fährt wieder ab. Die Durchsage für Fulda kommt pünktlich zur geplanten Abfahrt um17:26 Uhr: heute von Gleis 12.

Dort steht die VIA Richtung Erbach/Wiebelsbach, die vor fünf Minuten hätte abfahren sollen. Dann wir das Gleis frei und es folgt ein klassischer Verspätungs-Countup für Fulda. Um 17:47 Uhr, mittlerweile im Zug sitzend, fängt das Zuglotto wieder an. Ich stelle mir die Frage, ob ich vielleicht rüber zum Gleis 5 gehen sollte, um mein Glück mit dem RE um 17:50 Uhr zu versuchen. 17:49 Uhr haben wir Abfahrt – kurz nachdem ein ganzer Schwung sich im Lotto für Gleis 5 entschieden hatte. Heute war aber auch wirklich mal wieder alles in der Wundern-Tüte.

Bild: Blick in die mittlere Bahnsteighalle von Urmelbeauftragter (CC BY-SA 3.0)

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ÖPNV Tutorial V: Stop spreading, man!

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Abb. 1: Der Manspread

Man wundert sich ja wofür es alles Worte gibt. Im Englischen jedenfalls gibt es schon eins für eine Unsitte im ÖPNV, die hauptsächlich von männlichen Mitbürgern gepflegt wird. Das sogenannte Manspreading bezeichnet das Sitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit auseinanderstehenden Beinen.

Und ja, das Manspreading gehört auch zu meinen Erfahrungen in der freien WildBahn. [Ja, ich weiß, das machen wohl manchmal auch Frauen, mir persönlich ist allerdings noch keine untergekommen. Über Handtaschen und Rucksäcke mit Platzanspruch berichte ich auch noch, keine Angst, liebe Maskulinisten, Chauvinisten oder sonstige männliche Geschöpfe, die sich gerade ans Bein gepinkelt – oder eher getreten, s.u. – fühlen.]

Wie schafft man Abhilfe?

Wenn der Mann neben mir nicht gerade wie ein Axtmörder oder Crystal Meth Junkie ausschaut (und das tun tatsächlich die wenigsten Manspreader!), versuche ich mir mit einem plötzlichen Außenruck der Knie – alles auf meiner Seite des Sitzes versteht sich – wieder Platz zu verschaffen. Meist wird das verstanden. Wenn nicht schlage ich die Knie über Kreuz, so dass der obere Fuß (im Idealfall im dreckigen Schuh steckend) öfter an das Bein des Nachbarn anschlägt, völlig zufällig natürlich. Bisher gab es noch keine Beschwerden …

Hey, Mann, wir wissen, dass du einen Großen hast, ist schon gut. Musst du nicht so raushängen lassen. Verringert nur deine Chancen bei der anwesenden Damenwelt. Echt jetzt.

Bild: Manspreading in der Stockholmer Metro von Peter Isotalo (CC BY-SA 4.0)

Imaginäres Hochprozentiges & enttäuschendes Brötchen

ouzo„Ich trink Ouzo, was machst du so?“ begrüßt eine junge Frau neulich ihren Gesprächspartner am Handy. Ich schaue mir die Frau, die mir schräg im Zug gegenübersitzt, unauffällig an. Den Ouzo hat sie definitiv erfunden. Begrüßt man sich jetzt so? Ich bin echt nicht mehr up-to-date. Mir gegenüber schaut ein junger Mann derweil skeptisch in sein Brötchen. Hätte er wohl doch besser selbst schmieren sollen.

Wieder mal ein super Tag für Beobachtungen in freier WildBahn.

Bild: Ouzo von Jeroen (CC BY 2.0)

5 Minuten mehr Vorbereitung macht 10 Minuten Verspätung?

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Der übliche Anblick: Leere auf Gleis 6 – aber heute ist alles anders

Es ist 17:10 Uhr, als ich am Frankfurter Hauptbahnhof ankomme, um mich von dort auf den Heimweg zu machen. Der RE 50 steht bereits auf Gleis 6. Interessant, eigentlich hat er erst um 17:15 Uhr Einfahrt. Und noch interessanter: auf der Anzeige stehen bereits jetzt zehn Minuten Verspätung für die Abfahrt.

Der Zug fährt tatsächlich ‚pünktlich‘ mit zehn Minuten Verspätung ab und es gibt eine Durchsage: „Der RE nach Fulda hat heute zehn Minuten Verspätung. Grund dafür ist die verspätete Bereitstellung.“ Wenn die Bereitstellung mit mindestens fünf Minuten Vorsprung auf die üblichen 11 Minuten nicht reicht, dann war wohl was anderes faul. Oder fällt vielleicht das Zugpersonal auch unter Bereitstellung? Vielleicht hat da einer gefehlt. Wieder mal eine dieser kleinen Kuriositäten in freier WildBahn.

Bild: Blick in die mittlere Bahnsteighalle von Urmelbeauftragter (CC BY-SA 3.0)

Spaghetti-Held und Selbstgespräche

Letzte Woche im Zug. Eine Frau telefoniert; ich dachte erst mit ihrem Kind, im späteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass es ihr Ehemann ist. Warum ich erst dachte, sie spräche mit ihrem Kind? Weil sie ihrem Gesprächspartner genau erklärt hat, wie man Spaghetti Bolognese kocht.

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Unglaublich kompliziert, das Rezept für Spaghetti Bolognese

„Ich komme ein bisschen später, das wird dann alles etwas knapp. Ich glaube du solltest schon mit dem Kochen anfangen.“ Kurzes Schweigen. Dann ganz geduldig: „Also, da nimmst du Zwiebeln, Hackfleisch und Tomatenmark …“ Und dann folgt die genaue Anleitung was zu tun ist (Schälen – Anbraten – Drüberkippen; fast ein besserer Blogtitel als Pendeln – Lesen – Wundern). „Das Würzen übernehme ich dann.“ Die Frau sieht jünger aus als ich.

Welcher Mann mittleren bis jüngeren Jahrgangs gibt sich denn bitte schön heute noch die Blöße nicht kochen, oder zumindest Rezepte lesen, zu können? Und welche Frau lässt ihrem Mann sowas kommentarlos durchgehen? Ich dachte wir fahren hier durchs Kinzig-, nicht durchs Neandertal.

Kurz nach dem Telefonat halten wir in Gelnhausen. Ein Mann steigt zu. Der sieht völlig normal aus, stellt vor sich eine Flasche Cola ab. Eine Bierdose zum Feierabend hätte mehr erklärt. Der Zug fährt nicht sofort los.

Darauf fängt der Mann lauthals an zu Schimpfen: „Worauf warten wir denn? Auf besseres Wetter? Das haben wir doch schon.“ Grummel, grummel. „Ich hab auch was Besseres zu tun, als hier im Zug zu sitzen!“ Er telefoniert nicht. Spricht auch nicht, sympathieheischend, die Frau mit dem Spaghetti-Helden zu Hause an, die auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Ich sitze gerade so in Hörweite, sonst ist da niemand.

Der Zug fährt los. Die Frau sucht ob des seltsamen Selbstgesprächlers das Weite, obwohl es bis zur nächsten Station noch zwölf Minuten dauert. Ein klasse Tag für Beobachtungen in freier WildBahn.

Bild: Spaghetti Bolognese von Eric Hossinger (CC BY 2.0)

Post-retarde Verspätungsmeldung

Um die begrifflichen Grundlagen für diesen Blog zu legen, widmen wir uns heute einem völlig gewöhnlichen Phänomen in freier WildBahn: der verspäteten Verspätungsmeldung (kurz PRV).

Es ist 18.20 Uhr, die RB aus Wächtersbach, weiter als RE Richtung Fulda, fährt gerade am Frankfurter Hauptbahnhof ein. Eigentlich hätte sie schon um 18.15 Uhr einfahren sollen, aber wegen dieser paar Minuten macht sich heute keiner die Mühe mit einer Durchsage oder Anzeige – dachte ich. Nachdem der Zug bereits fünf Minuten auf dem Gleis steht, hören wir: „RB aus Wächtersbach hat heute fünf Minuten Verspätung.“ Sag bloß!

Zu diesem Zeitpunkt hätte es ‚hatte‘ heißen müssen. Zudem beginnt der Zug pünktlich seine Reise als RE. Trotzdem danke für diese völlig überflüssige Information.

Mit dem verwandten Phänomen des Verspätungs-Countups beschäftigen wir uns in einem der nächsten Artikel.

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Wussten Sie schon? 1888 hatte mal ein Zug Verspätung.

PS: Ich hatte kein Latein.

Das Ministerium für Desinformation präsentiert: Zuglotto

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Verwirrende Anzeige

Gestern auf der Kinzigtalbahn: Haben wir heute Verspätung? Ja. Nein. Vielleicht. Natürlich!

Bei der Ankunft am Bahnhof grüßt die Anzeige freundlich mit 30 Minuten Verspätung wegen Verzögerungen im Betriebsablauf. Ja, so fängt der Morgen gut an. Aber ok. Will gerade kehrt machen, um mich in der Bahnhofshalle hinzusetzen, da springt die Anzeige um. „Berichtigung zu RE4507 nach Frankfurt/Main Hbf. Dieser Zug fährt wie im Fahrplan veröffentlicht.“ Wie cool ist das denn? Ganz was Neues. Das kommt gleich in meinen Blog. Wäre eine tolle Geschichte geworden, doch leider endet sie damit noch nicht.

Ich gehe also am Bahnsteig weiter nach vorne und warte auf den Zug. Das Signal wird pünktlich grün – und vorbei fährt ein Güterzug. Fünf Minuten später wird das Signal wieder grün. Ein zweiter Güterzug fährt vorbei. Ah, auf der Anzeigetafel am anderen Ende des Bahnsteigs hat sich was getan. Ich laufe zurück. 35 Minuten Verspätung. Wäre ja auch zu schön gewesen, um wirklich wahr zu sein. Warum gibt es eigentlich keine Durchsage?

Ab in die Wartehalle. Nach 30 Minuten stellt sich dann die Gretchenfrage. Nehme ich die RB, der gleich losfährt, oder versuche ich mein Glück mit dem verspäteten RE, in der Hoffnung, dass er nicht noch später kommt als angekündigt? Die Frau am Schalter wird mehrmals um Rat gefragt. Sie hat aber auch nur die Infos aus dem Internet. Knapp 40 Minuten Verspätung, schon mal mehr als die 35 von der Anzeigetafel – aber der kann man ja offensichtlich nicht vertrauen.

Ich gehe mal rüber zur RB. Dort wird der Schaffner von Mitreisenden befragt. „Wir werden ziemlich sicher vom RE überholt.“ Na gut, denn setze ich in dieser Zuglotterie auf den RE. Zurück zum Anfangsgleis. 10 Sekunden, nachdem die RB abgefahren ist – mit einer Menge Leute drin, die in der Lotterie anders gewählt haben – kommt die Durchsage. „Der RE nach Frankfurt erhält Einfahrt.“

Liebes Ministerium für Desinformation bei der DB/dem RMV,

Verspätungen gehen meist voll in Ordnung. Nicht in Ordnung gehen allerdings die fehlenden oder gar falschen Informationen, die der Kunde am Bahngleis geliefert bekommt. Also, noch mal zum Mitschreiben:

  • mindestens eine Durchsage, dass der Zug überhaupt Verspätung hat
  • Update der Zugverspätung, falls sich die Dauer ändert; Euer Vokabular kennt sogar ‚auf unbestimmte Zeit‘
  • Ansage welcher Zug der nächste in die betroffene Richtung ist, wenn es mehrere Möglichkeiten gibt.

Letzteres ist bisher äußerst selten, wurde aber schon in freier WildBahn gehört. Dann klappt das auch mit der Kundenzufriedenheit.

Bild: Anzeigetafel Verspätung von Sebastian Terfloth (CC BY-SA 2.5)