Glatteis vs. Platzmangel

penguinEigentlich wollte ich mich am Montag ja über den nicht gestreuten Bahnhof wundern. Über all die Menschen, die vorsichtig über das Glatteis – elegant wie Pinguine am Südpol – den Bahnsteig hinunter watscheln.

Dann überrascht mich der Zug damit, dass der erste statt der dritte Wagen vor mir stehenbleibt. Zu früh gebremst? Nein, irgendwas ist hier faul. Ich ergattere einen der allerletzten Sitzplätze, indem ich einen Mann freundlich dazu bringe, seine Tasche auf den Schoß zu nehmen. Warum ist es hier so voll?

Die Erklärung kommt mit der Durchsage: „Wo immer Sie was zum Sitzen finden, setzten Sie sich. Uns fehlen heute leider drei Wagen.“ Kurz vor Hanau wird sich noch mal entschuldigt: „Wir bedanken uns für Ihr Verständnis für unseren … Platzmangel.“

Überraschungsbesuch im RB 55

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Kurgäste aus Hanau Wilhelmsbad kamen vielleicht gerade noch so in den Zug hinein.

Am Montag durften sich ganz viele Menschen im RB 55 über den spontanen Besuch von hunderten Pendlern aus dem Kinzigtal freuen. Denen war nämlich der RE 50 mit (relativ pünktlicher) Ankunft um 8:07 Uhr in Hanau der Zug unter dem Arsch verreckt. „Wegen eines Triebwerkschadens hat unser Zug einige Minuten Verspätung“, sagte uns der Schaffner nach mehr als einigen Minuten Verspätung. Wann es in etwa weitergehen würde, blieb unbekannt. Dafür bekamen wir den Hinweis: „Der nächste Zug nach Frankfurt Süd fahrt um 8:29 Uhr von Gleis 102.“ Worauf die Menge aus dem laaaangen RE 50 Doppelstöcker losmarschierte und den armen kurzen RB 55, einstöckig, kaperte … Ab Maintal Ost passte keine Maus mehr in den Zug und einige Pendler in den Stationen danach blieben ob der fremden Menschenmassen im heimischen Zug verdutzt am Bahnsteig zurück.

Machtvolle Durchsage

Ich habe ja schon mal erwähnt, dass wir ziemlich coole Schaffner auf der Strecke haben. Neulich war einer mal wieder besonders unterhaltsam.

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Da hinten steht er irgendwo – und kommt nicht rein.

Wir stehen direkt vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, in der langgezogenen Kurve kurz nach der Brücke über den Main. Nach 15 Minuten Stillstand kommt die Durchsage:

„Wie Sie und ich gemeinsam festgestellt haben, sind wir aus einem mir noch unbekannten Grund zum Halten gekommen. Sobald ich weitere Informationen von der Transportleitung habe, gebe ich Ihnen Bescheid.“

Kaum hat er den Satz zu Ende gesprochen, fährt der Zug weiter. Prompte Rückmeldung:

„Der Fehler lag wohl bei mir. Ich hätte die Durchsage einfach früher machen sollen.“

Verwirrung nach dem Downgrade

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Heute kein außerplanmäßiger Halt in Wächtersbach (Blick auf das Schloss)

Neulich im RE 50, kurz nach einer noch pünktlichen Abfahrt am Bahnhof Wächtersbach: „Eine Durchsage der Betriebsleitung: Ab Wächtersbach halten wir an allen Zwischenhalten.“ Der Zug wird also zum RB heruntergestuft, was den Schaffner irgendwie ein bisschen verwirrt. Kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt sagt der nämlich: „Wir haben zurzeit 20 Minuten Verspätung wegen außerplanmäßigen Zwischenhalten in Wächtersbach und Hanau.“

Kurzer Hinweis für alle, die nicht regelmäßig durch das Kinzigtal pendeln: Wächtersbach und Hanau stehen sowohl beim RE als auch bei der RB immer auf dem Halteplan. Die außerplanmäßigen Halte waren Wirtheim, Haitz-Höchst, Hailer-Meerholz, Niedermittlau, Rodenbach und Wolfgang – aber die Liste war dem Schaffner vielleicht einfach zu lange.

Das Aufwärmen von/an alten Störungen

Jetzt wo die Tage kürzer werden und wir offiziell auf Winterzeit umgestiegen sind, gibt es für alle Sommerfreunde unter meinen Lesern eine kleine (herz)erwärmende Pendler-Geschichte. Stellt Euch vor, es ist heiß da draußen, so wie am 17. Juni 2013.

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Dante und Vergil im neunten Höllenkreis (Bild von Gustave Doré, 1861)

Der RE nach Fulda fährt an diesem Abend auf Gleis 12 statt auf 6 ein. Der Einstieg fühlt sich an, wie der Abstieg in Dantes Inferno. Ein kleiner Spaziergang durch die anliegenden Waggons bestätigt den ersten Eindruck: dieser Zug besitzt keine funktionierende Klimaanlage – und natürlich auch keine Fenster zum Öffnen. Dafür ist alle sehr sauber und die Polster sind noch ganz fluffig. Es riecht auch wie in einem neuen Auto. Aber das scheint die Klimaanlage nicht zu interessieren.

„Aufgrund einer technischen Störung verzögert sich unsere Abfahrt um etwa zehn Minuten,“ sagt der Schaffner nach zehn Minuten Verspätung. Unbestimmte Zeit später wird das zu einer „schwerwiegenden Störung am Zug; unbestimmte Zeit Verspätung …“ Heute hat wohl keiner Lust auf einen Notfalleinsatz. Danke dafür!

Wir marschieren zum nächsten Zug in die Richtung, rüber zu Gleis 4. Der fährt mit funktionierende Klimaanlage und ohne Verspätung – bis Gelnhausen. Dann eine leicht panische Stimme aus dem Lautsprecher. „Dies ist der RE nach Fulda. Ich wiederhole, sie befinden sich im RE nach Fulda!“ Wir bleiben noch ein bisschen stehen, bis wir alle verstanden haben, in welchem Zug wir sitzen – und kommen irgendwann glücklich und zufrieden zu Hause an. Und wenn sie nicht an Hitzschlag gestorben sind, dann fahren sie noch heute …

Wenn der Rechtsanwalt im Zug über die Kollegen lästert

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So manch einer lässt die Arbeit nicht mit dem Talar im Büro hängen.

Manche Leute haben bei Zuggesprächen überhaupt keine Hemmungen. Neulich in der Kinzigtalbahn hat ein Rechtsanwalt seine Frau angerufen und über die Kollegen und den Staatsanwalt gelästert. Alle inkompetent, laut Aussage des Rechtsanwalts. Der ist sich seiner selbst so sicher, dass er das so laut in den Zug hinausposaunt, dass es der halbe Waggon mitkriegt.

Er erteilt seiner Frau nebenbei auch noch die Erlaubnis, einen Brief des Finanzamts zu öffnen. Und jetzt versucht er niedlich zu werden, und spricht mit seiner Frau so, wie ich manchmal mit den Katzen, andere Leute mit ihrem Baby reden. Am liebsten würde ich mich genau in diesem Tonfall von ihm Verabschieden. „Ah gutschi, gutschi, guh. Allerliebstes süßes Anwaltlein, stell dir mal vor, dass einer deiner Mitreisenden einen deiner Kollegen persönlich kennen könnte.“

Historische Durchsagensammlung III

14.03.13 – Die spannende englische Übersetzung einer 0-8-15 Durchsage. Immer diese lästigen Leute im Zug aber auch.

800px-Anzeigetafel_VerspätungTrain XYZ is delayed today by five minutes due to people on the train.

11.06.2013 – Nicht für uns bestimmt:

Durchsage an das Zugpersonal: TA 240 in Ordnung.

Bei Google ist der erste Hit für TA 240 ein Toaster. Eine Minute später:

Personal, bitte Verbindung zum Zugführer aufnehmen.

Und noch ein paar Minuten später, endlich die Durchsage für das gemeine Pendlervolk:

Wegen einer Türstörung haben wir im Moment zwölf Minuten Verspätung.

Teil I Teil II

Bild:  Anzeigetafel Verspätung von Sebastian Terfloth (CC BY-SA 2.5)

Auf Lachempfehlung hin gelesen

Vor einiger Zeit saß ich im Zug, neben einer lesenden Frau. Die fing plötzlich lauthals an zu lachen – und hörte einfach nicht mehr auf. Kaum hatte sie sich ein bisschen beruhigt, die Tränen weggewischt, so dass sie ein paar Zeilen weiterkam, ging der Lachkrampf weiter. Sie hat sich dann bei mir entschuldigt.

„Sie brauchen sich doch dafür nicht zu entschuldigen. Sie müssen mir nur verraten, was sie da gerade lesen.“

KerkelingEs war Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling. Als ich das Buch dann bei einem Flohmarkt entdeckte (bei dem ich schon Tschik erstanden hatte), musste ich natürlich gleich zuschlagen. Und ja, ich habe viel gelacht, wenn auch nicht laut und öffentlich (das ist mir bisher nur bei irgendeinem Terry Pratchett – natürlich auch im Zug – passiert), aber amüsiert habe ich mich trotzdem köstlich. Neben Kerkelings wundersamen Begegnungen auf dem Jakobsweg, erfährt man mehr über den Künstler, seine Ansichten und einiges Biographisches. Das Buch ist natürlich was für Fans von Hapes Humor, sollte aber auch von jedem gelesen werden, der sich auf große Pilgerfahrt begeben möchte. Besser man ist gewarnt …

Manchmal kein Gesprächsbedarf

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Heute keinen Bock auf Blah-blah?

Liebe Mitpendler und Zugbekannte,

bitte nicht missverstehen. Ich liebe Zuggespräche und bin manchmal sogar ein bisschen neidisch auf die kleinen Grüppchen, die sich tagtäglich in den gleichen Abteilen zum morgentlichen oder abentlichen Klönen zusammenfinden. Sprecht mich auf jeden Fall weiter an, auch wenn ich mich gerade mal wieder hinter in einem Buch verstecke. Ich gebe freundlich Auskunft auf alle möglichen und unmöglichen Fragen des Pendlerdaseins. Oder auch über die gerade gelesene Lektüre. Zur Not auch über das Wetter.

Aber wem geht der Gesprächsbedarf der Mitreisenden nicht manchmal auf den Keks? Über laute Telefonate berichte ich sicher irgendwann noch mal gesondert. Aber auch ein völlig banales Gespräch reißt einen manchmal einfach aus dem Lesefluss. Für solche Fälle habe ich Musik und einen Kopfhörer dabei, alles völlig in Ordnung.

Wenn das Gegenüber es allerdings speziell auf mich abgesehen hat … dann wird es schwierig. Letztens war ich an einem Samstagnachmittag auf dem Weg Richtung Frankfurt, der Zug war also entsprechend leer. Ich saß hinter einem der Vierersitze, auf dem sich eine Frau mit jeder Menge Gepäck breitgemacht hatte. Sie wollte mir schon Platz schaffen als ich reinkam, obwohl überall noch freie Sitzplätze waren. Ich nahm mein Tagebuch zur Hand und wollte für mich gerade wichtige Dinge aufschreiben.

„Fährt der Zug bis Frankfurt Hauptbahnhof?“

Ich gebe freundlich Auskunft. Aber klar doch, keine Panik. Zurück zum Schreiben.

„Da kommt auch kein Schaffner, oder?“

Naja, das kommt immer darauf an, wer gerade Dienst hat … Ich nehme den Stift wieder zur Hand.

„Ich besuche nämlich meine Tochter in Frankfurt.“

Ah ja. Ich versuche hinter dem Sitz aus dem Blickfeld der Dame zu rutschen.

„Ich hoffe wir kommen nicht zu spät an.“

Bisher 0 Minuten Verspätung und schon ein gutes Stück des Weges, die Chancen stehen nicht schlecht. Ich rutsche noch weiter hinter den Sitz. Die Frau schaut aus dem Fenster und wippt ungeduldig mit den Füßen. Ich sehe ihr an, dass sie an weiteren Gesprächs-Eröffnungsstrategien arbeitet.

Kurz vor Süd kommt erwartungsgemäß mit der Ansage Panik auf.

„Ist das schon Frankfurt?“

Ja, ja, aber bis Hauptbahnhof ist noch eine Station Zeit, alles gut.

Ich mag es sehr, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Oft fängt es mit etwas Belanglosem an, und plötzlich steckt man mitten drin, in diesem anderen Leben. Aber manchmal habe ich auch einfach mal keinen Gesprächsbedarf.

An alle späten Schnorrer

euro„Mir fehlt nur noch 1€ für das Ticket nach Hause.“

Manchmal hört man es auf dem Bahnsteig, oft aber auch direkt im noch stehenden Zug. Wer die Frage nach 18 Uhr in einem Pendler-Zug im RMV-Gebiet stellt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.

„Ach, das trifft sich ja prima. Ich nehme sie einfach auf mein Ticket mit.“

Bisher hat noch niemand mein Angebot angenommen. Mehr oder minder geschickt wird sich rauslaviert, meist mit: „Äh, ja, ich komme dann gleich wieder …“

Da ist mir die direkte Frage – „Haste ma en Euro?“ –lieber. Da werde ich wenigstens nicht angelogen.