Wenn der Rechtsanwalt im Zug über die Kollegen lästert

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So manch einer lässt die Arbeit nicht mit dem Talar im Büro hängen.

Manche Leute haben bei Zuggesprächen überhaupt keine Hemmungen. Neulich in der Kinzigtalbahn hat ein Rechtsanwalt seine Frau angerufen und über die Kollegen und den Staatsanwalt gelästert. Alle inkompetent, laut Aussage des Rechtsanwalts. Der ist sich seiner selbst so sicher, dass er das so laut in den Zug hinausposaunt, dass es der halbe Waggon mitkriegt.

Er erteilt seiner Frau nebenbei auch noch die Erlaubnis, einen Brief des Finanzamts zu öffnen. Und jetzt versucht er niedlich zu werden, und spricht mit seiner Frau so, wie ich manchmal mit den Katzen, andere Leute mit ihrem Baby reden. Am liebsten würde ich mich genau in diesem Tonfall von ihm Verabschieden. „Ah gutschi, gutschi, guh. Allerliebstes süßes Anwaltlein, stell dir mal vor, dass einer deiner Mitreisenden einen deiner Kollegen persönlich kennen könnte.“

Manche Angeber sind tatsächlich nur unfähig

Zuggespräch neulich in der Kinzigtalbahn:

union-jackIch hasse diese Leute, solche Angeber, die in deutschen Sätzen immer englische Worte einbauen müssen. Oft ist das totaler Nonsens.

Lateinische Lehnwörter scheinen also in Ordnung zu gehen.

Ich nutze relativ oft englische Wörter in meinen deutschen Alltagssätzen. Das liegt aber nicht daran, dass ich damit angeben möchte, sondern weil mir schlicht und einfach das passende deutsche Wort in dem Moment nicht einfällt. Wenn man englische Bücher und Filme konsumiert und zudem auf der Arbeit nur mit dieser Sprache zu tun hat, ist das halt so. Meine schwindende deutsche Ausdrucksfähigkeit war einer der Gründe, warum ich diesen Blog angefangen habe.

Also, lieber Mitreisender, nicht jeder Nutzer von Anglizismen ist ein Angeber. Manche sind einfach nur unfähig.

Naive Regionalbahnreisende

Ein junges Pärchen besteigt den RE 50 in Frankfurt Süd. Als sie die Treppe herunterkommen, fragt er sie ganz rührend: „Oder willst du lieber an einen Tisch?“

Sorry, solchen Firlefanz können wir uns hier nicht leisten.

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Die hessichen REs sind eher spartanisch ausgelegt (s. z.B. auch fehlende Ausklapptische an den Rückseiten der Sitze).

Naive regional train travellers

A young couple boards the RE 50 in Frankfurt Süd. As they are coming down the stairs, he asks her considerately: “Or do you rather want to sit at a table?”

Sorry, we cannot afford such frippery here.

Manchmal kein Gesprächsbedarf

sprechblase

Heute keinen Bock auf Blah-blah?

Liebe Mitpendler und Zugbekannte,

bitte nicht missverstehen. Ich liebe Zuggespräche und bin manchmal sogar ein bisschen neidisch auf die kleinen Grüppchen, die sich tagtäglich in den gleichen Abteilen zum morgentlichen oder abentlichen Klönen zusammenfinden. Sprecht mich auf jeden Fall weiter an, auch wenn ich mich gerade mal wieder hinter in einem Buch verstecke. Ich gebe freundlich Auskunft auf alle möglichen und unmöglichen Fragen des Pendlerdaseins. Oder auch über die gerade gelesene Lektüre. Zur Not auch über das Wetter.

Aber wem geht der Gesprächsbedarf der Mitreisenden nicht manchmal auf den Keks? Über laute Telefonate berichte ich sicher irgendwann noch mal gesondert. Aber auch ein völlig banales Gespräch reißt einen manchmal einfach aus dem Lesefluss. Für solche Fälle habe ich Musik und einen Kopfhörer dabei, alles völlig in Ordnung.

Wenn das Gegenüber es allerdings speziell auf mich abgesehen hat … dann wird es schwierig. Letztens war ich an einem Samstagnachmittag auf dem Weg Richtung Frankfurt, der Zug war also entsprechend leer. Ich saß hinter einem der Vierersitze, auf dem sich eine Frau mit jeder Menge Gepäck breitgemacht hatte. Sie wollte mir schon Platz schaffen als ich reinkam, obwohl überall noch freie Sitzplätze waren. Ich nahm mein Tagebuch zur Hand und wollte für mich gerade wichtige Dinge aufschreiben.

„Fährt der Zug bis Frankfurt Hauptbahnhof?“

Ich gebe freundlich Auskunft. Aber klar doch, keine Panik. Zurück zum Schreiben.

„Da kommt auch kein Schaffner, oder?“

Naja, das kommt immer darauf an, wer gerade Dienst hat … Ich nehme den Stift wieder zur Hand.

„Ich besuche nämlich meine Tochter in Frankfurt.“

Ah ja. Ich versuche hinter dem Sitz aus dem Blickfeld der Dame zu rutschen.

„Ich hoffe wir kommen nicht zu spät an.“

Bisher 0 Minuten Verspätung und schon ein gutes Stück des Weges, die Chancen stehen nicht schlecht. Ich rutsche noch weiter hinter den Sitz. Die Frau schaut aus dem Fenster und wippt ungeduldig mit den Füßen. Ich sehe ihr an, dass sie an weiteren Gesprächs-Eröffnungsstrategien arbeitet.

Kurz vor Süd kommt erwartungsgemäß mit der Ansage Panik auf.

„Ist das schon Frankfurt?“

Ja, ja, aber bis Hauptbahnhof ist noch eine Station Zeit, alles gut.

Ich mag es sehr, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Oft fängt es mit etwas Belanglosem an, und plötzlich steckt man mitten drin, in diesem anderen Leben. Aber manchmal habe ich auch einfach mal keinen Gesprächsbedarf.

Der Preis für saubere Bahnhöfe

Zuggespräch neulich in der Kinzigtalbahn: Ein Mann beschwert sich über die mangelnde Sauberkeit am Südbahnhof, wo er eben eingestiegen ist. „In anderen Ländern funktioniert das doch auch! Und die Fahrkarten sind auch noch viel günstiger.“ Als Beispiel nennt er Singapur.

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Saubere U-Bahn Station in Singapur

Was er nicht erwähnt, vielleicht weil er es einfach nicht weiß, ist, dass die Sauberkeit an Bahnhöfen nichts mit dem Bahnbetreiber zu tun hat, sondern mit den strengen Gesetzen im Land. Die Bußgelder sind sehr hoch, wenn man Müll einfach auf die Straße, oder eben den Bahnhof, schmeißt. Kaugummis und andere für uns selbstverständliche Dinge sind ebenfalls verboten. Ja, sicher, es ist sauber dort. Mein Gespräch mit dem Müllbergproduzenten im Zug letztes Jahr wäre sicher anders verlaufen, wenn ich mit der Polizei drohen hätte können.

Nebenbei haben sicher die im Vergleich zu Deutschland niedrigen Lohn– und Energiekosten auch etwas mit dem günstigen Preis der Fahrkarten zu tun … Sind wir aber wirklich bereit, diese Preise für mehr Sauberkeit am Bahnhof und günstigere Tickets zu bezahlen?

Käse auf der Autobahn

Am Montag in der Kinzigtalbahn. Eine junge Familie setzt sich zu mir auf einen der Vierersitze. Sie sind ein bisschen außer Atem, da sie wohl gerade noch so den Zug bekommen haben.

Vater: „Das war knapp.“

Tochter (im Kindergartenalter): „Was hätten wir denn gemacht, wenn wir den Zug verpasst hätten?“

swiss-cheeseVater: „Dann hätten wir mit dem Auto fahren müssen. Aber das ist echt Käse.“

Die Tochter denkt eine ganze Weil über die Aussage ihres Vaters nach. Dann:

„Papa, gibt es Käse auf der Autobahn?“

„Natürlich nicht.“

„Aber warum sagst du dann sowas?“

„Das sagt man halt so.“

„Mensch, Papa, du erzählst manchmal ein dummes Zeug!“

Funkloch ahoi!

Neulich in der Kinzigtalbahn. Eine ältere Dame telefoniert mit dem Handy – wohl etwas, das sie nicht so oft tut. Denn sie hat ihr Gegenüber aus Versehen auf laut gestellt. Trotzdem hält sie den Hörer direkt ans Ohr und schreit ebenso laut zurück. Ich schmunzle vor mich hin. Bevor die Situation nervig werden kann, kommt zum Glück das Funkloch kurz vor Hanau.

Leute die die Strecke nicht kennen rufen übrigens oft in Hanau zurück – um dann festzustellen, dass kurz hinter Hanau das nächste Funkloch wartet …

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Sendemasten – rund um Hanau rar gesäht

Der Tag an dem Mama die Smileys entdeckte

So oder ähnlich könnte der Tagebucheintrag eines jungen Mannes betitelt sein, dem ich neulich im Zug gegenübersaß. Gleich neben ihm seine Mutter, die gerade dabei ist eine Nachricht über ihr Smartphone zu versenden.

„Die Kathrin hat mir letztens so ein lustiges Grinsemännchen mitgeschickt. Die kann man hier irgendwie hinzufügen.“

Der junge Mann zeigt der Mama, wo die zu finden sind.

„Mann, was es hier nicht alles gibt! Aber … was bedeutet denn der?“ Sie hält ihrem Sohn das Telefon vor die Nase.

„Der ist total wütend.“512px-Twemoji_1f610.svg

„Und der hier?“

„Na, der kotzt.“

„Ui, ui, ui. Und der?“

„Der lacht so krampfhaft.“

„Und der?“

„So neutral.“512px-Twemoji_1f4a9.svg

„Und der?“

„Weiß ich auch nicht.“

„Und der?“

„Das ist ein Scheißhaufen.“

„Was??? Und der?“

Die Frage wiederholt sich, für mich gefühlte 20 Mal, für den Sohn sicher um die 100 Mal. Es klingt fast wie eine späte Rache an der oft im Minutentakt gestellten Frage aller Fragen bei der Reise mit dem Kind damals: „Wann sind wir denn endlich da?“

Bild: Twemoji von Ebrahim & Twemoji von Ebraminio (CC BY 4.0)

Wenn die Mama voll peinlich ist

Manchmal fahre ich fremd. Also mit anderen Zügen durch die Welt. Letztens also im ICE, auf dem Weg von Braunschweig nach München.

headphones-42543_640Setze mich in ein Abteil, in dem eine Mutter mit drei Kindern sitzt, die älteste so 15-16, der jüngste vielleicht zehn. Alle vier haben ein Tablet vor der Nase und Kopfhörer auf. Super, hier kann ich ungestört arbeiten. Die Kinder unterhalten sich ab und zu leise, besprechen, dass sie gleich zusammen Minecraft spielen wollen. Der Junge packt ein Comic in englischer Sprache aus und fängt an zu lesen. Ja, mit dem Abteil habe ich eine gute Wahl getroffen.

Dann packt die Mama ein paar Äpfel aus und bietet die den Kindern an. Und zwar ohne die Kopfhörer runterzunehmen und den Ton auszustellen, also total laut. Die Kinder kucken sich schon belustigt an, ich muss auch ein bisschen lächeln. Dann erzählt die Mama, dass sie auch noch Brötchen auspacken kann. Die Kinder schütteln die Köpfe und schauen langsam ein bisschen betreten. „Ihr habt ja recht, wir sind eh bald bei der Oma“, schreit sie und jetzt wird es den Kindern zu viel. „Mensch, Mama, Du bist total peinlich“, sagt der Sohnemann und zieht ihr die Kopfhörer von den Ohren.

Spaghetti-Held und Selbstgespräche

Letzte Woche im Zug. Eine Frau telefoniert; ich dachte erst mit ihrem Kind, im späteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass es ihr Ehemann ist. Warum ich erst dachte, sie spräche mit ihrem Kind? Weil sie ihrem Gesprächspartner genau erklärt hat, wie man Spaghetti Bolognese kocht.

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Unglaublich kompliziert, das Rezept für Spaghetti Bolognese

„Ich komme ein bisschen später, das wird dann alles etwas knapp. Ich glaube du solltest schon mit dem Kochen anfangen.“ Kurzes Schweigen. Dann ganz geduldig: „Also, da nimmst du Zwiebeln, Hackfleisch und Tomatenmark …“ Und dann folgt die genaue Anleitung was zu tun ist (Schälen – Anbraten – Drüberkippen; fast ein besserer Blogtitel als Pendeln – Lesen – Wundern). „Das Würzen übernehme ich dann.“ Die Frau sieht jünger aus als ich.

Welcher Mann mittleren bis jüngeren Jahrgangs gibt sich denn bitte schön heute noch die Blöße nicht kochen, oder zumindest Rezepte lesen, zu können? Und welche Frau lässt ihrem Mann sowas kommentarlos durchgehen? Ich dachte wir fahren hier durchs Kinzig-, nicht durchs Neandertal.

Kurz nach dem Telefonat halten wir in Gelnhausen. Ein Mann steigt zu. Der sieht völlig normal aus, stellt vor sich eine Flasche Cola ab. Eine Bierdose zum Feierabend hätte mehr erklärt. Der Zug fährt nicht sofort los.

Darauf fängt der Mann lauthals an zu Schimpfen: „Worauf warten wir denn? Auf besseres Wetter? Das haben wir doch schon.“ Grummel, grummel. „Ich hab auch was Besseres zu tun, als hier im Zug zu sitzen!“ Er telefoniert nicht. Spricht auch nicht, sympathieheischend, die Frau mit dem Spaghetti-Helden zu Hause an, die auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Ich sitze gerade so in Hörweite, sonst ist da niemand.

Der Zug fährt los. Die Frau sucht ob des seltsamen Selbstgesprächlers das Weite, obwohl es bis zur nächsten Station noch zwölf Minuten dauert. Ein klasse Tag für Beobachtungen in freier WildBahn.

Bild: Spaghetti Bolognese von Eric Hossinger (CC BY 2.0)