Historische Durchsagensammlung III

14.03.13 – Die spannende englische Übersetzung einer 0-8-15 Durchsage. Immer diese lästigen Leute im Zug aber auch.

800px-Anzeigetafel_VerspätungTrain XYZ is delayed today by five minutes due to people on the train.

11.06.2013 – Nicht für uns bestimmt:

Durchsage an das Zugpersonal: TA 240 in Ordnung.

Bei Google ist der erste Hit für TA 240 ein Toaster. Eine Minute später:

Personal, bitte Verbindung zum Zugführer aufnehmen.

Und noch ein paar Minuten später, endlich die Durchsage für das gemeine Pendlervolk:

Wegen einer Türstörung haben wir im Moment zwölf Minuten Verspätung.

Teil I Teil II

Bild:  Anzeigetafel Verspätung von Sebastian Terfloth (CC BY-SA 2.5)

Von Mythen und Bäumen im Vogelsberg

P1140420

Was wie ein gieriges Drachenauge ausschaut, ist ein Loch im Teufelstisch.

Vorletztes Wochenende war ich mit dem Tolkien Stammtisch Vogelsberg auf mythischen Pfaden durch den Wald unterwegs. Von Ilbeshausen-Hochwaldhausen ging es hinein in den Oberwald. Stammtischmitglied und Naturparkführerin Ulrike erzählte uns nicht nur, wie der Vogelsberg, der Teufelstisch und die Uhu-Klippen der Sage nach zu ihrem Namen kamen, sondern brachte uns auch diverse Mythen über Eiche, Linde und Esche näher. Dazu gab es natürlich Details zur Weltenesche Yggdrasil, über die man schnell zu Tolkien kam. Ich erzählte dann etwas zu Tolkiens Liebe zu Bäumen und wie die sich in seinem Leben und seinen Werken bemerkbar machte. Im Schwarzbachtal ließen wir uns von den Eindrücken und Geräuschen im Wald verzaubern und spielten menschliche Kamera. Trotz einiger Schauer ein wunderbar fantastischer Ausflug!

P1140428

Als dann noch auf dem Weg ein Blatt wie von Geisterhand geführt langsam vor uns herschwebte war klar, dass diese Tour nicht noch fantastischer werden kann.

Bilder von mrs.bananabrain und mir.

Wenn einem der gesunde Frauenverstand die Lektüre verhagelt

Vor Jahren habe ich die ersten beiden Bände von Dmitry Glukhovskys Metro-Reihe mit absoluter Begeisterung gelesen. Die dystopische Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft (2033) hat mich sofort fasziniert. Nach dem großen Atomkrieg ist die Welt radioaktiv verseucht. Nur in den Tiefen der Moskauer Metro ist noch Leben möglich. Das birgt allerdings tausende Gefahren.

Metro 2035 von Dmitry Glukhovsky

Als 2016 nun Metro 2035 auf Deutsch herauskam, kehrte ich in freudiger Erwartung in die Romanwelt zurück. Und die ist immer noch total faszinierend. Ich reise mit dem Finger auf dem Metroplan den Helden hinterher. Dort gibt es jede Menge Kleinstaaten mit den unterschiedlichsten Ideologien: von den Faschisten im Reich bis zu den Kommunisten an der Roten Linie, alles verbunden durch die Händler der Hanse an der Ringlinie.

Aber offensichtlich hat sich meine Leserhaltung verändert. Denn über eine Sache komme ich kaum hinweg: die Präsentation der Frauen in dieser düsteren Zukunft. Dabei wäre es so einfach gewesen. Die Welt ist eine schmutzige, harte. An den meisten Stationen gilt das Gesetz des Stärkeren. Ein Satz hätte genügt, um zu erklären, dass genau aus diesem Grund die Frauen in traditionellere Rollen zurückgedrängt wurden. Der fehlt allerdings, und damit setzt bei mir der Glaube an die Sekundärwelt aus. Man trifft sie nur beim Kochen, beim Schweinehüten, beim Tratschen und beim Pilze züchten. Es gibt keinerlei Erklärung, warum Frauen plötzlich nur noch für das traute Heim zuständig sind. Frauen sind nicht für den Wachdienst an den Stationen zuständig, es gibt keine weibliche Stationsvorsteherin, unter den Brahmanen, den Gelehrten, an den zivilisierten Stationen der Polis gibt es keine Frauen, von den militärischen Organisationen ganz zu schweigen. Selbst an der Roten Linie sind Frauen nicht gleichberechtigt. Im ersten Band tauchen sie außerdem nur am äußersten Rand der Geschichte auf.

Im zweiten Band ist tatsächlich einer der Hauptcharaktere weiblich. Sascha ist alleine mit ihrem Vater an einer ansonsten verlassenen Station aufgewachsen, deshalb ist sie wohl ansatzweise selbständig genug, um auf Abenteuerfahrt durch die Metro aufzubrechen. Natürlich erst, nachdem der Vater der Strahlenkrankheit erliegt und ein neuer imposanter Mann in ihr Leben tritt, um den sie sich nun kümmern möchte. Dem reist sie dann hinterher, um ihn vor sich selbst zu retten. Im neusten Band treffen wir Sascha dann an der Station Zwetnoi bulwar – das große Bordell der Metro – wieder, wo sie ihre ‚Berufung‘ in der Befriedigung der Männer gefunden hat … Starke – oder einfach nur realistische – Frauenrollen sehen wahrlich anders aus.

Hier ein paar (ver)störende Beispiele zum Frauenbild in den Romanen aus dem zweiten Band.

Metro 2034 von Dmitry Glukhovsky

Hintergrund zu Saschas Vater – der ja so ein toller Hecht gewesen sein muss:

Die Frauen hatten ihm stets von selbst ihre Banner zu Füßen gelegt. Von ihrer Nachgiebigkeit korrumpiert, konnte er mit jeder neuen Freundin stets seine Begierde befriedigen […]. (S. 154f)

Nach einer martialischen Beschreibung des Brigadiers Hunter (animalisch, Krieger, Befehl, Vernichtung …):

Und lange bevor Sascha ihre Furcht vor diesem Menschen unter Kontrolle bekam, […] sagte ihr eine innere Stimme – die Stimme der Frau in ihr -, dass auch sie ihm folgen würde. (S. 207)

Entschuldigung, wenn meine innere Frauenstimme mir dazu gar nichts sagen kann, da sie sich gerade übergibt.

Beschreibung von Sascha:

Sie war kein bisschen kokett und sie spielte nicht. So wenig wie sie sich für Feuerwaffen interessierte, so gleichgültig, ja fremd schien ihr auch das übliche weibliche Arsenal ergreifender Blicke und liebreizender Gebärden zu sein. (S. 243)

Ein wiederkehrendes Motiv:

Gerade jetzt hätte sie einen mächtigen Stamm gebraucht, an den sie sich lehnen, die sie umarmen konnte. […] Sascha hatte sich nur an ihn lehnen wollen, doch er hatte geglaubt, dass sie sich an seine Stiefel klammerte. (S. 312f)

Ein großes Highlight sind auch Frauen als kleine, dekorative Reliefbögen:

Dann, in dem marmornen Mittelgang der Dobryninskaja, hatte Sascha eine seltsame Erkenntnis: Die großen, innen ausgekleideten Bögen, durch die man zu den Gleisen gelangte, wechselten sich hier mit kleinen, dekorativen Reliefbögen ab. Immer ein großer, dann ein kleiner Bogen, wieder ein großer und wieder ein kleiner. Wie Mann und Frau, die sich an den Händen hielten, Mann und Frau, Mann und Frau … Und auf einmal spürte sie das Verlangen nach der breiten und starken Hand eines Mannes, in die sie ihre eigene legen konnte. Um sich darin nur ein wenig zu verbergen. (S. 371)

Natürlich ist es völlig legitim, eine solche Frauenrolle zu zeichnen. Allerdings bleibt der Eindruck zurück, dass es in dieser Welt nur Frauen nach diesem Schema F gibt. Wie gesagt, eine kurze Erklärung für diese spezielle Veränderung der Welt hätte Wunder gewirkt – auch wenn die fehlenden Frauen in wichtigen Positionen an den zivilisierten Stationen und an der Roten Linie immer noch nicht wirklich schlüssig gewesen wären. Und gerade in Russland ist die Fallhöhe extrem. Es ist das Land mit dem höchsten Anteil (45%) von Frauen in Führungspositionen auf der Welt. Das Ganze hat mich also tatsächlich so gestört, dass ich die Romane in Zukunft nicht mehr anrühren werde. 2036 hin oder her.

Manche Angeber sind tatsächlich nur unfähig

Zuggespräch neulich in der Kinzigtalbahn:

union-jackIch hasse diese Leute, solche Angeber, die in deutschen Sätzen immer englische Worte einbauen müssen. Oft ist das totaler Nonsens.

Lateinische Lehnwörter scheinen also in Ordnung zu gehen.

Ich nutze relativ oft englische Wörter in meinen deutschen Alltagssätzen. Das liegt aber nicht daran, dass ich damit angeben möchte, sondern weil mir schlicht und einfach das passende deutsche Wort in dem Moment nicht einfällt. Wenn man englische Bücher und Filme konsumiert und zudem auf der Arbeit nur mit dieser Sprache zu tun hat, ist das halt so. Meine schwindende deutsche Ausdrucksfähigkeit war einer der Gründe, warum ich diesen Blog angefangen habe.

Also, lieber Mitreisender, nicht jeder Nutzer von Anglizismen ist ein Angeber. Manche sind einfach nur unfähig.

Ein halbes Stündchen Kunst

20160818_141053[1]

Wenn man das Ausstellungsplakat gefunden hat, ist man am richtigen Eingang

Wer sich in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs aufhält, und plötzlich ein halbes Stündchen Zeit hat, der kann sie perfekt mit dem Besuch der wechselnden Kunstausstellungen im Art Foyer des City-Hauses (separater Eingang direkt zur Friedrich-Ebert-Anlage) bei der DZ Bank verbringen.

20160818_141200[1]

Der Weg hinauf ins Art Foyer

Bis zum 27.8.16 läuft dort im Moment noch die Ausstellung „Zurück in die Zukunft der Fotografie“. Ich war zu einer späten Mittagspause dort und die ganze halbe Stunde völlig allein mit der Kunst. Zu jeder Ausstellung gibt es eine Broschüre, in der man Hintergrundinformationen zu den Künstlern und den Werken findet. Bei der aktuellen Ausstellung war ich sehr überrascht, wie abstrakt viele der fotografischen Werke sind. Die Entwicklungsgeschichte (Wortspiel intendiert) spielt dabei oft eine viel größere Rolle als das eigentliche Motiv.

20160818_141620[1]

Helena Petersen – aus der Serie „Pyrographie“. Die Bilder enstehen in einem Schießstand, wo das Mündungsfeuer einer Waffe das Fotopapier belichtet.

20160818_143009[1]

Torben Eskerod – aus der Serie „Damaged Portraits“. Eine Flut hat die Werke des ‚ganz normalen‘ Portraitfotografen unter Wasser gesetzt. Er hat sie feucht eingelagert und als er sie wieder herausholte, waren sie verschimmelt. Diese teils monströs verunstalteten Gesichter hat er dann wieder abgelichtet.

20160818_143431[1]

Alexander Endrullat – Aufnahme von Dresden mit selbstgebauter Lochkamera. Danach mit „nicht vorgesehener“ Chemikalie entwickelt, die für solch schöne Vefärbungen sort.

Der Eintritt ins Art Foyer ist frei. Geöffnet hat es Dienstag bis Samstag von 11-19 Uhr.

Eine botanische Familiensaga

seedScarlett Thomas schreibt mit The Seed Collectors, erschienen bei Canongate, eine botanische Familiensaga. Am Anfang und am Ende steht ein Stammbaum, der durch diverse Enthüllungen im Laufe der Geschichte verändert wird. Die wird aus der Sicht verschiedener Mitglieder der Gardener Familie und ein paar Außenstehender erzählt, inklusive eines Rotkehlchens. Während die Geschichte in der Realität verankert ist, ist sie durchzogen (genauso wie Thomas Sprache) mit Übertreibungen, Humor, dem Unglaublichen, ja dem Fantastischen. Das einzige Manko ist der Sex. Die Männer sind aggressiv, die Frauen träumen von Vergewaltigung. Bei einem ansonsten so einfallsreichen Roman, hätten Thomas wahrlich innovativere Spielarten einfallen können.

A botanical family saga

With The Seed Collectors, published by Canongate, Scarlett Thomas writes a botanical family saga. A family tree stands at the beginning and at the end, which undergoes a transformation through revelations throughout the course of the tale. This is related by various members of the Gardener family and some external characters, including a robin. While the setting is grounded in reality, it is imbued (together with Thomas’ language) with exaggerations, humour, the unbelievable and the fantastic. The only drawback is the sex. Men are aggressive, women dream of rape. In an otherwise incredibly inventive novel, Thomas could truly have thought up a few more innovative varieties.

Zwischenstation in Deal

Deal1

Pier

Auf der Rückreise aus dem Lake District-Urlaub im letzten Jahr sind wir gut durchgekommen und hatten entsprechend noch etwas Zeit, bevor wir die Fähre in Dover besteigen mussten. Zum Mittag haben wir also eine längere Pause in Deal eingelegt. Nettes kleinen Hafenstädtchen – mit einem denkmalgeschützten Pier aus den 1950ern.

Bilder von mrs.bananabrain und mir.

Whistle stop in Deal

Möwe / Seagull

Möwe / Seagull

On our journey back from last year’s holiday in the Lake District, we made good progress on the motorways and thus had some time to spare before boarding the ferry in Dover. We decided to have a longer lunch break in Deal. Quite a nice small harbour town – with a listed pier from the 1950s.

Pictures are by mrs.bananabrain and me.

Auf Lachempfehlung hin gelesen

Vor einiger Zeit saß ich im Zug, neben einer lesenden Frau. Die fing plötzlich lauthals an zu lachen – und hörte einfach nicht mehr auf. Kaum hatte sie sich ein bisschen beruhigt, die Tränen weggewischt, so dass sie ein paar Zeilen weiterkam, ging der Lachkrampf weiter. Sie hat sich dann bei mir entschuldigt.

„Sie brauchen sich doch dafür nicht zu entschuldigen. Sie müssen mir nur verraten, was sie da gerade lesen.“

KerkelingEs war Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling. Als ich das Buch dann bei einem Flohmarkt entdeckte (bei dem ich schon Tschik erstanden hatte), musste ich natürlich gleich zuschlagen. Und ja, ich habe viel gelacht, wenn auch nicht laut und öffentlich (das ist mir bisher nur bei irgendeinem Terry Pratchett – natürlich auch im Zug – passiert), aber amüsiert habe ich mich trotzdem köstlich. Neben Kerkelings wundersamen Begegnungen auf dem Jakobsweg, erfährt man mehr über den Künstler, seine Ansichten und einiges Biographisches. Das Buch ist natürlich was für Fans von Hapes Humor, sollte aber auch von jedem gelesen werden, der sich auf große Pilgerfahrt begeben möchte. Besser man ist gewarnt …

Naive Regionalbahnreisende

Ein junges Pärchen besteigt den RE 50 in Frankfurt Süd. Als sie die Treppe herunterkommen, fragt er sie ganz rührend: „Oder willst du lieber an einen Tisch?“

Sorry, solchen Firlefanz können wir uns hier nicht leisten.

P1080732

Die hessichen REs sind eher spartanisch ausgelegt (s. z.B. auch fehlende Ausklapptische an den Rückseiten der Sitze).

Naive regional train travellers

A young couple boards the RE 50 in Frankfurt Süd. As they are coming down the stairs, he asks her considerately: “Or do you rather want to sit at a table?”

Sorry, we cannot afford such frippery here.